Arminia gegen Dynamo Dresden 1:1 – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent
Ist Vollmond? Liegt es am Wetterumschwung? Warum sind alle so ungewohnt hektisch unter der Süd? Voller als sonst, mehr hin und her als sonst. Liegt es daran, dass die aktive Fanszene Fahnen für die Choreo verschenkt, diese mit Stöcken ausgestattet sind und Ostwestfalen, die sowieso schon nicht für ihre effektive Art der Fortbewegung bekannt sind, diese Stöcke beim herumdameln noch kreuz und quer durch die Luft pieksen? Was der Rundumbeobachter damit sagen will: Er bleibt nach längerer Zeit mal wider zur ersten Halbzeit im Eingang von Block 3 stecken.

Aber die Choreo kann was.
Nehmen wir die einfachste aller Erklärungen: Bestimmt sind alle wegen des Spitzenspiels so nervös. Arminia gegen Dresden, Zweiter gegen Erster. Und das, was durch die vielen Köpfe auf Block 3 zu sehen ist, sieht auch nach Spitzenspiel aus. Es ist intensiv, es ist schnell. Und Arminia hat etwas mehr vom Spiel. „Jetzt scheppert’s“, verkündet eine Stimme im Gewühl jedes Mal, wenn sich einer unserer Blauen den Ball erkämpft hat und/oder das Leder nach vorne treibt. Auch, wenn das an der eigenen Eckfahne war. „Jetzt scheppert’s“.

Irgendwo oben ist dagegen jemand unzufrieden. „Nach vooorne!“. Jedes Mal, wenn sich einer unserer Blauen den Ball erkämpft hat und/oder das Leder nach vorne treibt. Auch, wenn das an der eigenen Eckfahne war. „Nach vooorne!“. Wir sind schon ein illustres Publikum auf der Bielefelder Alm.

Aber zur Zeit haben wir ja gute Laune, auch mit einiger Berechtigung (obligatorischer Hyperlink zum Leverkusen- Spiel). Und die Blauen haben ihre Torchancen. „Arrrgh!“, „Ooouh!“ ein paar Mal. „Jetzt scheppert’s“. Nein, eben nicht. Auch Dresden spielt lebendig nach vorne. Was man von der zugigen Warte des Rundumbeobachters sieht, ist, dass Dynamo eben kein Wehen oder Rostock ist, sondern zurecht Erster im Drittliga- Tableau ist. Was man nicht sieht: Ob und wie nahe die SGD dem Tor von Kersken kommt.

Alldieweil wird auf der Tribüne eine Pizzalieferung verhandelt. „Gehst Du Pizza holen?“ – „Na ja,… soll ich?“ – „Ja, mach‘ mal.“ – „Na jaaa…“ – „Einmal Salami“ – „Ich hab‘ keinen Hunger…“. Fußballgottseidank läuft da unten ein Spitzenspiel, sonst wären im Gesprächs wahrscheinlich noch Pizza- Transportzölle verhängt worden.

„Immer, wenn ich weg gehe, fallen Tore- Jetzt haben die mich zum Bierholen geschickt, ist ein guter Zeitpunkt für Tor“…Oppie, Flanke…AAARGH! „Ist was passiert?“. Nein. Geh‘ noch mehr Bier holen. „Nee sach‘ mal, was ist passiert?“ Der Nebenmann schildert einen Dresdner Freistoß, der zehn Spielminuten her ist. Wenn den Rundumbeobachter jemand aus dem nicht enden wollenden Strom an Tribünenzu- und Auswanderern fragt, ob was passiert sei, wird er sagen, dass UlmUlmUlm gerade Benny Kirsten den Ball abgetrickst und zum 2:1 getroffen hat. Ob zehn Minuten oder zehn Jahre her macht bei Arminia kaum einen Unterschied.

„Jetzt scheppert’s“. Nein, immer noch nicht. Oppie, …. GrodowskIAAAAARG- Huch, vorsichtig. Da sind immer noch diese Fahnenstöcke. Wichtige Lektion, liebe Mitlesende: Wenn Ihr mittenin einer Masse Ostwestfalen steht, die Fahnen geschenkt bekommen haben, bei einer vergebenen Torchance nicht mit dem Auge in einen Fahnenstock ärgern. Man kann den Sockt übrigens herausziehen und entsorgen. Und die Fahne zusammenfalten und in der Tasche verstauen. Fällt dem Rundumbeobachter aber auch erst nach dem Spiel ein. Ich bin ebenfalls nur Ostwestfale.

Halbzeit. Als der 1.BFC Arminia an diesem (wahrscheinlich regnerischen) Maitag im Jahre 1905 gegründet wurde, hieß Ostwestfalen Regierungsbezirk Minden und war preußische Provinz, Jöllenbeck war eine eigenständige Gemeinde, WhatsApp- Nachrichten kamen per Telegramm, Flugzeuge waren eine Freakshow, Autos waren vom Teufel, Union 92 Berlin (nicht verwandt mit dem Pokalopfer) war Deutscher Meister.
Arminia ist älter als die erste öffentliche Bibliothek Bielefelds, als das Bauernhausmuseum, der Sennefriedhof, Norwegen, Las Vegas, der Circus Krone und der Kreiselkompass. Es ist wunderbar und fast unglaublich, dass der Sportclub der Ostwestfalen nach all dem Auf und Nieder immer noch da ist. Und wenn man dann noch bedenkt, was seit 1905 so alles in der Welt passierte…
ALLES GUTE ZUM 120., ARMINIA!

Rauf auf Block 3. Da ist man optimistisch. Für Block 3- Verhältnisse. „Ein 1:0 würde mir schon reichen.“ Aber Arminia macht gute Laune im Moment und hat mehr von der Partie. Und jetzt eine Reihe Ecke, die in mehr oder weniger knappen – „Arrrgh!“, „Ooouh!“ – Torchancen enden.

Dynamo Dresden erscheint nicht ganz so aktiv, es ist aber zu fühlen, dass der Eindruck täuscht. Die SGD, die in der letzten Saison noch den HSV der Dritten Liga machte, ist eben nicht Hannover II oder Stuttgart II. Und Zack! Haben sie sich über links durchgesetzt und die Pille versenkt. 0:1.

Oh je… Arminia selbst hat in ihren sozialen Medien den April als herrlichen Monat gefeiert. Mit Berechtigung, weil der April ein herrlicher schwarzweißblauer Monat war. Allerdings sollte man als Armine keine Phase feiern- sie könnte in eine brotlose Phase münden. Und wenn das die Phase der Saisonentscheidungen ist, ist das uncool. Schwarzweißblaues Kharma sollte man nicht herausfordern.

Aber die Blauen sind nicht mehr die Blauen vom Jahresbeginn. Wurde noch im Januar in unschöner Regelmäßigkeit vergessen, wo das Tor steht und nach einem Rückstand kopflos gewurschtelt, bleibt Arminia heute im Trott und am Drücker. Die Truppe glaubt an sich und sich, das Publikum tut es auch. „Wir sind immer dabei, ob [alle gängigen falschen oder richtigen Worte einfügen], in Ewigkeeeeiiit!“. „Die machen ihr Tor noch!“, sagt Block 3. Und: „Jetzt kommt das 1:1!“. Und irgendwo unten sagt sicher jemand „Jetzt scheppert’s!“

Oppie, AAARGH, knapp vorbei. Dynamo vorne, OOOOUH, noch knapper vorbei. Die SGD ist bei diesem Spielstand übrigens aufgestiegen. Und bereit sich gegenüber auf die Feier vor. Und nimmt dabei eine eventuelle spätere Ironie billigend in Kauf:

Na ja, vielleicht sollte man auch schwarzgelbes Kharma nicht herausfordern, zumal Arminia ja öfters mal Last Minute trifft. Aber solche Statistiken werden die Dresdner vermutlich genauso interessieren wie uns umgekehrt die entsprechenden Dynamo- Zahlen.

Nachspielzeit. Die Alm feuert wahlweise die Blauen an oder bereitet den Aufstiegsjubel vor. Oppie über links, rein das Ding, was Gelbes dran, noch was Gelbes dranJAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! Die Alm feiert! „Wie’n Sieg!“, japst Block 3 beim Schlusspfiff.

Keine Aufstiegsfeier auf keiner Seite heute. Nach der Niederlage von Cottbus gegen Mannheim steht fest, dass die SGD den Relegationsplatz rechnerisch sicher und Arminia den Relegationsplatz so gut wie sicher hat (Tordifferenz…ja, doch! Rostock darf ja jetzt doch in Unterhaching spielen und kann noch auf 60 Punkte kommen). Und so, wie die Blauen derzeit spielen, dürfen wir darauf hoffen, als Zweitligist aus Unterhaching wieder zu kommen.
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