Arminia gegen Dynamo Dresden 1:2 – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent
Fangen wir diese Rundumbeobachtungen heute mal anders an als sonst, nämlich in der 15. Spielminute (Wörli kommt später im Text dran). Die Süd singt. „Unser DSC Arminia, wenn Du spielst, ist so wunderbar, deshalb sind wir immer für Dich da, Jahr für Jahr, Tag für Tag.“

Der zweite Teil des Chants stimmt natürlich immer. Der erste Teil mit dem wunderbaren Spiel allerdings… Arminia spielt bis dahin mutig und offensiv, hat so halbe Chancen, aber es ist so, als käme man zuckerhungrig ans Kuchenbuffet, um dann festzustellen, dass das dargebotene Feingebäck von vorgestern ist. Isst man, schmeckt auch halbwegs okay, ist aber nicht die ofenfrische Sahnetorte, die man das letzte halbe Jahr gewohnt war. Block 3 macht die dazu passenden Geräusche: „Jaaa!“ – „Uiiiii!“ – „…möööh…“.

Dreieinhalb Monate ist es her, dass Dynamo Dresden zum letzten Mal Gast auf Lohmanns Acker war. Damals war es ein vorweg genommenes Zweitligaspiel, in denen die SGD den Blauen alles abverlangte. Heute ist es ein echtes Zweitligaspiel und die Gäste präsentieren sich als der fast schon gewohnt fiese Gegner. Schnelle und zügig geht es nach vorne bei Dynamo, Arminia ist aber hinten sicher.

…bis Dynamo es dann richtig clever macht. Zwei Anspielstationen, ein Schuss, der die schwarzweißblaue Defensive im wahrsten Sinne des Wortes auf dem falschen Fuß erwischt…

Zweites Heimspiel, zweiter Rückstand, zweites Mal trotzdem gute Laune. Irgendwo in den Weiten des Internets hat der Rundumbeobachter kürzlich „Was ist los in Ostwestfalen“ gelesen. Gemeint war die für unsere regionalen seelischen Verhältnisse untypische Begeisterung für unsere Arminia. Nun, der hält auch beim Rückstand an: „Gefahr seh‘ ich eigentlich nicht“, meint Block 3.

Voll und ganz im Hype, dieses Ostwestfalen, selbst wenn die eigene Truppe nur zu drei Vierteln unterwegs ist. Das Offensivspiel der Blauen lässt nach. Rugekreisel um den und manchmal im Strafrau, aber ohne Abschluss. Und die SGD weiter gefährlich. „Kannst Dein Wasser selber holen“, schimpft Block 3 über stillose Getränkeversorgung. Woraufhin keiner Wasser holt. Schöne Metapher für das schwarzweißblaue Geschehen auf dem Rasen. Aber: Voll gute Laune. Was sagt Block 3 dazu, dass es zur Pause 0:1 steht? „Hab‘ ich schon wieder vergessen“. Na denn.

Halbzeit. Eigentlich vor dem Spiel, aber jetzt ist eine Viertelstunde Zeit. Der größte Jubel des schönen Sonntags, als Wörli, mit der 38 auf dem blauen Hemd, zu Sebastian Wiese auf den Platz läuft. Pokalheld, hier, hier und hier auch. Und hier gegen Dortmund II, Doppelpack. Nicht nur ein (das?) Gesicht der wahnsinnigen letzten Saison, sondern auch symbolisch für eine (vielleicht) neue Zeit: Wörli ist nicht nur Wunschspieler des DSC, Arminia ist auch Wunschverein des Spielers. Und es scheitert nicht an besseren Angeboten oder potenteren Mitbewerbern.

Wörli ist wieder da! Ein Talent, dass bei Arminia bleibt, um (vielleicht) etwas Größeres zu werden und mit dem Sportclub der Ostwestfalen weiter voran zu kommen. Macht was draus, alle!

Weiter geht’s auf dem Platz und zugunsten einer Pointe reißen wir mal ein Zitat des in der Pause interviewten Jonas Kersken aus dem Zusammenhang: „Ich hoffe, dass in der zweiten Hälfte nichts mehr passiert.“. Na ja, wir hoffen das schon.

(Gemeint hat Kersken natürlich das Spiel seiner Vertretung Leo Oppermann, der ein starkes Spiel macht)

Zur Sache. Die ersten Szenen der zweiten Halbzeit gehören der SGD. „Knapp vorbei“. „Knapp drüber“. Kommentiert Block 3 diese mit ostwestfälischer Präzision. Wobei „knapp“ präzise unpräzise ist. „Knapp vorbei“ heißt hier: Kurzer Herzstillstand, „knapp drüber“ heißt: Ball von der Schlosshofstraße holen.

Dann wird Arminia lebendig. Lannert, direkt vor Block 3. Flanke, wir gucken dem Ball hinterher, am langen Pfosten blitzt es kurz blau und JAAAAAAAAAAAAAAAAA! JONNYYYYYYY!

Der Ausgleich beflügelt alles, was schwarzweißblau ist. Unten legen die Ballsportler Tempo und Schärfe vor, oben beginnt die lauteste Phase des Spiels. Vom Wahnsinn angetriebäääään!

Aber Dynamo Dresden kommt zurück ins Spiel, es geht hin und her. Für die neutralen Zuschauer ein Spiel ebenso unterhaltsam wie die Namen der Beteiligten. Spieler, die wie Klempner heißen: Tim Handwerker (Arminia Bielefeld). Spieler, die wie Augsburger Puppenkisten heißen: Jonas Oehmichen.

Block 3 ist natürlich nicht neutral und packt den Volksmund aus: „Das Spiel steht Spitz auf Knopf.“. Wow… Der Ausdruck kommt übrigens aus dem Fechten und bedeutet, dass man dem Gegner entweder die Spitze der Fechtwaffe entgegenstreckt (heißt: Kampf und Sieg!) oder den Knopf bzw. Knauf (heißt: Ääääh, ich lass das lieber, Du hast gewonnen). Klar wünschen wir uns alle, dass Dresden der Knopf ist… bis den SchiRi irgendeine Spitze sticht…

Genau. Die Notbremse, für die Lannert vom Platz fliegt. Block 3 und weitere Zuschauer sagen: „Kann man geben“. TV-Bilder kenne ich noch nicht. Wiederum weitere Zuschauer sagen: „Fehlentscheidung.“. Der kicker sieht das auch so und gibt dem Unparteiischen mit dem treffenden Namen Bauer die Note 6,0. Jedenfalls greift der VAR ein und der SchiRi guckt TV Bilder. Und reagiert wie damals Tante Esmeralda bei der Wettervorhersage. Die hat nie geglaubt, dass es regnet, wenn es nicht im Fernsehen kam. Und hat dann trotzdem keinen Schirm mit zum Einkaufen genommen.

Und jetzt? „Unterzahl könnwa.“, meint Block 3. Stimmt, aber müssen wir das jede Woche unter Beweis stellen? Während Lannert fliegt, wird übrigens fast zeitgleich das erste Saisonspiel der Blauinnen abgepfiffen. Die waren die ganze zweite Halbzeit in Unterzahl und haben in letzter Minute das 3:2- Siegtor erzielt. Gegen einen traditionell fiesen Gegner. Ziehen die Kerls nach? Könnwa?

AAAAAARGH! Mehlem verzieht… das wäre es gewesen! Auf der Gegenseite liegt der Ball in Oppermanns Tor, doch wie schon im Mai, freuen sich die Dresdner zu früh. Abseits.

Elf Minuten Nachspielzeit. Unterzahl könnwa, laut Block 3. Nachspielzeit ja eigentlich auch. Aber irgendwie ist es nicht das volle Brett, das Arminia heute auf die Alm bringt. Angriff auf Angriff rollt auf den schwarzweißblauen Strafraum. Die Jungs kämpfen tapfer, die Ränge brüllen „BIE-LE-FELD! BIE-LE-FELD!“. Glücklicher Punkt? Könnwa Unterzahl? Könnwa Nachspielzeit?

Könnwa heute nich‘. In der 100. Bruttominute sitzt ein Dresdner Fallrückzieher. Alles das, was Arminia in letzter Zeit so schön oft passiert ist – Gegner in Unterzahl, Traumtor in der Nachspielzeit – heute waren die anderen damit dran. Erste Saisonniederlage. Möööh.

Im Mai war Arminia gegen Dynamo ein vorweg genommenes Zweitligaspiel, dass den Blauen alles abverlangte. Es endete 1:1. Heute war es ein richtiges Zweitligaspiel, in dem Dreiviertel der schwarzweißblauen Power nicht zu Punkten reichten. Vielleicht genügen ja sieben Achtel. Für hektisches Rechnen ist es noch zu früh, außerdem wissen wir ja, welche Power im Kader steckt. Festzuhalten ist für den Moment: Kein Beinbruch, aber Dreiviertel reichen nicht.
Empfehlung: Die „Fußballfibel DSC Arminia Bielefeld“ mit jeder Menge schwarzweißblauer Lagerfeuergeschichten. Das Buch gibt es bei Thalia. Oder bei amazon. Oder im Fanladen. „90 Minuten Arminia“ habt Ihr schon…?



