Arminia gegen Köln 1:0 – Die liebe Kunst der dezentralen Stimmung

Arminia gegen Köln 1:0 – Die Kunst der dezentralen Stimmung – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent

Wie lang ist eigentlich eine Sekunde? Eine Eselsbrücke ist: „Eins-UND-Zwei-UND“. Wer damals, an diesem unerfreulichen Maitag im Jahre 2009, angefangen hat, die Sekunden bis zum nächsten Bundesliga-Heimspiel der ostwestfälischen Gloria zu zählen, konnte heute aufhören. Mit „dreihundertachtundfünfzigmillionenfünfunddreißigtausendzweihundertneunundneunzig-UND-dreihundertachtundfünfzigmillionenfünfunddreißigtausenddreihundert“. Hört auf, zu lachen. Ich weiß, es hat selbst beim drittklassigen 0:4 gegen Saarbrücken Anspruchsdenker unter Euch gegeben. Da interessiert mich nur eins: Was habt Ihr gerade gemacht, als Ihr „zweimillioneneinhundertvierundachtzigtausendzweihunderteins-UND“ gezählt habt? Geschlafen? Gegessen? Gearbeitet? 0:4 gegen Saarbrücken verloren?

Arminia gegen 1.FC Köln

Definitiv haben wir alle die Sekunden gezählt, bis wir wieder auf die Alm durften (for the record: achtzehnmillionenachtundfünfzigtausendvierhundertneunundneunzig-UND-usw.). „Wir“ ist dabei selektiv – nach Registrierung und Losverfahren. Corona ist eben noch nicht vorbei. Das merkt man auf dem Weg zum Tempel und beim Anstehen. Normalerweise gibt es an den Warteschlangen zum Eingang Süd Gedränge, dumme Scherze und ostwestfälischen Unmut über das Einlass-Tempo. Nicht so heute. Der Einlass dauert, aber die Leute sind geduldig und ruhig.

Rund um die Alm herrscht eine bisher ungekannte Ernsthaftigkeit – eine Mischung aus dem Bewusstsein, Losglück gehabt zu haben, dem Bemühen, nicht gegen die Auflagen zu verstoßen, der kaum artikulierbaren Freude, wieder nach Hause zu kommen und zu wissen, wie kostbar dieser Moment ist – beim nächsten Heimspiel kann es für jeden von heute wieder anders aussehen (und wird es bei einem fairen Losverfahren auch, aber das ist ein anderes Thema). Die „Anreise“ klappt jedenfalls hervorragend. Ostwestfalen doch keine Idioten.“Hauptsache dabei“, wie es später auf dem Block perfekt zusammengefasst wird.

Die Welttournee des Krönchenkeims sorgt dafür, dass der gewohnte Block 3 gesperrt ist. Er wird ausgelagert. Gesicherte Rundumbeobachtungen belegen die Blöcke R2, S2 und T2 als Auffangquartiere. Der Rundumbeobachter selbst ist auf S2, den er über den eigentlichen Gästeeingang betritt. Na guck, immerhin kommt man mal dazu, Ecken der Alm kennenzulernen, in denen man wirklich NOCH NIE war (wieso auch?). Das zeigt sich auch drastisch, als es beim Einlass hinten links heißt: „Ist da überdacht?“. Nee, ist auf dem Dach mitten im Nieselregen. Kann man als ausgeloster Dauerkarteninhaber selber drauf kommen. MannMannMann…

Anyway, die Sicht ist gut und in der Achter-Reihe sitzen nette Leute in der Nachbarschaft. Ein Blick auf die Ränge zeigt die Aufteilung. Block J zum Beispiel schreibt eine Geheimbotschaft. Sie lautet: „URWWEUOD“.

Das Spiel beginnt mit dem Gedenken an Gerry Weber. Präsi Laufer hält dem mehrfachen Retter und einzigen Ehrenmitglied des DSC eine schöne Gedenkrede. Auch hier nochmal, schlicht und aufrichtig: Danke Gerry!

Die Blauen spielen erstmal feldüberlegen. Bei den Kölnern läuft kaum etwas zusammen – bevorzugte Anspielstation von Hector & Co. ist das Seitenaus. Das Passspiel sieht bei Arminia deutlich besser aus, vor allem hinten heraus. Nach vorne passiert aber auch bei Unseren nix. Die neu arrangierte Alm entwickelt ein neues Anfeuerungskonzept, dem wir an dieser Stelle mal den Titel „Die Kunst der dezentralen Stimmung“ geben wollen. Da die Taktgeber über die ganze Hütte verteilt sind, werden aus mehreren Ecken Chants angestimmt, die dann das ganze Stadion aufnimmt. Gut laut! Es gibt auch Wechselgesänge kreuz und quer über das Spielfeld, einen stimmen die Arminis an – sehr süß, sehr neu, sehr gut!

„Köln zeigt nicht viel“, stellt Ausweichblock fest. „Wir aber auch nicht.“. Stimmt beides. Für den neutralen Zuschauer ist der Kick auf der Alm vermutlich genauso unterhaltsam wie viereinhalb Quadratmeter grün gestrichene Mauer. Für uns aber nicht, wir fighten auf den Rängen und auf dem Platz. Wie schon in Frankfurt gilt unserer Defensivreihe ein Lob mit Sternchen. Pieper, der jedes Kopfballduell gewinnt- WOW! Van der Hoorn- der alles abläuft- WOW! Lucoqui, der überall an der linken Außenlinie zu finden ist- WOW! Brunner, der…na ja, über seine Seite kamen soviel Angriffe wie Pakete am Pfingstmontag, aber trotzdem- WOW! Das ganze Team ist kämpferisch klasse. Ausweichblock subsumiert treffend: „Hau’n um! Flex ihn wech!“ – „Macht er gleich…“

Die Kunst der dezentralen Stimmung flaut ab der 30.Minute etwas ab. Dafür erfolgt kurz vor der Pause der nächste historische Fabian-Klos-Moment. Eine falsche (?) Abseitsentscheidung regt unseren Rammbock dermaßen auf, dass SchiRi Ittrich, bei dem auf Arminia-Seite die Strafkarten sehr locker sitzen, ihm die Gelbe gibt. Fabi gehört nun zu dem erlesenen Kreis der Arminen, die in drei Spielklassen verwarnt wurden. Schnädderängtäääääng!

Halbzeit. Die fürs Erste Daheimgebliebenen fragen sich natürlich: Wie ist das mit dem mobilen Catering? So leset und vernehmet: Beerman, diese wunderbare Erlebniskonstante aus Normalzeiten, ist in der Garage gelieben – es ist eben DOCH noch nicht normal. Anstatt dessen kommen Getränkekistenwoman Eins und Getränkekistenwoman Zwei und kredenzen nichtalkoholische, leere und gleichsam unwiderstehliche Kohlenhydrate. Zudem gibt es Brezelgirl mit Korb und Kühlboxman. Was hat Kühlboxman in der Kühlbox? Currywurst. Klaro. Macht Sinn.

„Köln zeigt nicht viel“, stellt Ausweichblock fest. „Wir aber auch nicht.“. Hab ich eben schonmal geschrieben, ich weiß. Es stimmt aber weiterhin beides. Beim EffZeh ist Fairness-Pokal-Gewinner Drechsler auf dem Platz (Ihr erinnert Euch an Tegos vor Wut zerrissenes Trikot?). Die Kölner verbringen weite Strecken des Spiels damit, auszuprobieren, wie es sich so auf unserem Hybridgestrüpp liegt…dass sie sich keine Luftmatratzen aufblasen, verwundert. Wahrscheinlich vergessen – da ist doch ein Zehner in die Mannschaftskasse fällig, oder? Jedenfalls nervt es Ausweichblock: „Eyyy! Das ist Fußbaaaall!“

Irgendwer präsentiert die Zuschauerzahl: 5.460. Sie ist gleichwohl historisch und paradox. Sie ist der niedrigste Bundesligabesuch bei einem Arminia-Heimspiel ever – und trotzdem ist die Alm ausverkauft. Corona is komisch, ey…

Dann aber wird es ernst, schließlich geht es um den Klassenerhalt. „Scheiß drei Punkte hiaaaa!“, brüllt Ausweichblock. Danach sieht es aber nicht aus. „Köln zeigt nicht viel“…usw., siehe oben. Für den neutralen Zuschauer ist der Kick auf der Alm vermutlich genauso unterhaltsam wie Brandenburgs ödeste Nebenstraßen nachts um drei auf arte. Die Sportschau macht später auch keinen Hehl um den Unterhaltungswert des Gebolzes auf der Alm. Für uns aber nicht, wir fighten auf den Rängen und auf dem Platz. Das ganze Team bleibt kämpferisch klasse. Und auch die Kunst der dezentralen Stimmung erwacht wieder.

Was wir gerade sehen, ist vermutlich der Weg, der erfolgreich sein könnte. Arminia ist allen Kadern unterlegen. Ja, isso. Es geht nur durch Kampf, sichere Defensive und kontrollierte Nadelstich-Angriffe. Kampf und Defensive haben in Frankfurt geklappt, sie klappen auch heute – echt sehenswert, wie knifflige Verteidigungsaufgaben kämpferisch und spielerisch gelöst werden. Und nach vorne – tja, da fehlt ein bisschen die Konzentration und manchmal auch der Mut. Sollte aber zu machen sein. Zum Beispiel durch die eingewechselten Edu und Schippo, die genau das sofort ins Offensivspiel einbringen. „Schippooo…“, röhrt Ausweichblock, „spielt alles auf Schippoooo“. So ein Vertrauen hat der auch schon länger nicht mehr erlebt. Saufen, bis der Schipplock trifft ist wohl auch ohne Alkoholverbot keine Option mehr.

Edu ist sowieso historisch. Der erste Färinger in der Bundesliga. Dann kommt ein langer Ball von Tego nach vorne. Edu nimmt ihn an, man sieht es nicht genau vom Ausweichblock…abgedrängt, scharf in die…nein, nicht in die Mitte, ins NEEEEEETZ! Torjubel ist auch auf Ausweichblöcken geil. Ohne In-die-Arme-fallen, aber mit Brüllen, auf das Gestänge einhämmern und die Nachbarn abfausten. Jetzt ist Edu gleich nochmal historisch.

Ich habe letztens ein neues Wort gelernt: „Crunchtime“. Heißt soviel wie: Spannende Schlussphase. „Crunch“ passt, weil sich das Zittern um den Sieg wie „Crunch“ anfühlt. Die Kunst der dezentralen Stimmung wird zur zentralen Stimmung. Und die wird immer lauter und gelöster, als mehr und mehr klar wird, dass Arminia hinten konzentriert bleibt und dem EffZeh nix einfällt. „Der DSC ist wieder daaaa“ und „Oooooh wie ist das schöööön“. Bis dann der Sieg feststeht und die Mannschaft dezentral mit der dezentralen Stimmung feiert. Ehrenrunde!

Der deutlich überwiegende Teil der Fußballwelt wird die dreihundertachtundfünfzigmillionen-UND Sekunden bis zu Arminias Rückkehr ins Oberhaus nicht gezählt haben. Vor allem nicht die Bundesliga-Ästheten mit dem Zeitschrift-Abo, für die eine Diskussion über irgendeinen Kramaric bei irgendeinem Hoffenheim wichtiger ist als die Diskussion um Gelderverteilungen und für die Arminia in der Bundesliga genauso sinnvoll ist wie Currywurst in der Kühlbox. Eins für Euch: Der Abstiegskandidat Nummer Eins hat gerade durch ein Tor eines Färingers gegen die Hipster vom Dom Drei Punkte eingefahren und ist in 2020 weiterhin ungeschlagen. Zuhause sogar jetzt exakt ein Jahr. Schmeckt Euch nicht? Ist mir wurscht. Currywurscht aus der Kühlboxsch.

„Das Boot“-Zitat zum Spiel:

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