Vom Lehrer und vom Trainer- Arminia gegen Sandhausen 1:1

Arminia gegen Sandhausen 1:1 – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent

Eigentlich müssten jetzt Rundumbeobachtungen vom Spiel Arminia gegen Sandhausen kommen. Allerdings hat die Aktualität den Rundumbeobachter-Zeitplan überholt. Dennoch kurz zum Spiel: Wenn auf den Tribünen über die Bequemlichkeit der Sitzschalen lamentiert wird (man kann sich gar nicht schön ausstrecken und dösen), sagt das einiges über die Qualität des Spiels aus. Block-Highlights des Tages: „Wer von denen ist denn Prince?“ – „Der mit den Locken.“. Lustig auch der Zuschauer, der laut überlegte, sein Töchterchen auf das Spielfeld zu schicken und Hosen die Schuhe…ääh…Schuhen die Hose runter zu ziehen. Was dann wohl passiert wäre…Und dann noch die Abreise in der Linie 4, wo Zuckowskis Klassiker „In der Weihnachtsbäckerei“ angestimmt wurde, was dem einmal mehr etwas verpatzten Almnachmittag dann doch etwas Versöhnliches verlieh.

Arminia gegen Sandhausen

Aber zum Thema des Tages. Jeff ex. Rumpi ex, zumindest als Co.

Was ist mit dem Geld, dass Jeffs Demission kosten wird? Ist es die Kramny-Lösung, dann war es nicht richtig, Jeff zu entlassen.

Was ist mit dem Geld, das Arminia im Falle eines Abstiegs womöglich niemals eingenommen hätte? Tja…dann war es vielleicht richtig, Jeff zu entlassen.

Arminia gegen Sandhausen

Okay, nun der Rest, und da wird es kompliziert. Wir machen das im Bild. Stellt Euch eine Schulklasse vor. Und stellt Euch den Klassenlehrer vor.

Stellt Euch vor, der Klassenlehrer unterrichtet Erdkunde. Sein Lieblingsthema ist: Urwald. Ein spannendes Thema, der Wald in Stockwerken, interessante Tierwelt außerdem, einheimische Völker, die Bedrohung durch Rodung. Die Klasse findet es auch spannend und arbeitet gut mit. Problem an der Sache: Prüfungsthema für das Schuljahr ist die Wüste. Irgendwann wird klar, dass der Lehrer mit dem Urwald nicht mehr weiter kommt. Er stellt kreuz und quer Schüler zur Gruppenarbeit zusammen, lässt sie über Nadelwald, arktischen Wald und alles mögliche referieren, den Schülern schwirrt die Rübe, sie sind fit im Urwald und ein bisschen anderen Wald, ahnen aber, dass das nicht viel mit Wüste zu tun hat. Und der Lehrer sagt sich: Ich habe alles getan. Urwald können sie.

Was ist, wenn Jeffs Latein am Ende war? Wenn sein bewährtes System aus der Vorsaison nicht mehr funktionierte? Wenn er von taktischen Stiefeln und einer eingespielten Startelf abwich, nur um kurzfristig etwas anderes zu machen? Wenn er dann trotzdem der Überzeugung war, dass er alles richtig machte? Dann war es richtig, Jeff zu entlassen. Wenn der Lehrer zwar Experte in etwas ist, aber das Klassenziel mit seinen Mitteln nicht erreichen kann, dann sieht es für selbiges nicht gut aus.

Nun stellt Euch vor, der Klasse sei etwas trauriges passiert. Keine Unfälle oder sowas, um Himmels Willen. Sagen wir mal, die Schulbehörde hätte den zweiwöchigen Ausflug in den Urwald abgesagt, auf den sich alle das letzte halbe Jahr gefreut hatten. Dann ist die Klasse demoralisiert und längere Zeit kaum fähig, im Unterricht vernünftig zu arbeiten. Denn es dauert, bis die Enttäuschung, der Frust wieder verraucht sind. Selbst der Lieblingslehrer der Klasse kann sich in so einer Situation noch so viel Mühe geben, er wird das grau in den Köpfen der Schüler nicht durchdringen. Und dann kann es zu spät sein, noch erfolgversprechend für das Klassenziel zu büffeln.

Was ist, wenn die Mannschaft so demoralisiert ist, dass nichts mehr lief? Die Verunsicherung war über Wochen offensichtlich. Dann war es falsch, Jeff zu entlassen. Nicht nur, weil es genau genommen nicht seine Schuld ist. Sondern auch, weil der Lieblingslehrer der Klasse immer noch der Lieblingslehrer ist, der die Klasse kennt und mit Einfühlungsvermögen und dem einen oder anderen pädagogischen Kniff noch am ehesten etwas bewirken kann. Und dem die Schüler noch am ehesten folgen.

Stellt Euch als nächstes vor, der Klassenlehrer hätte gemerkt, dass seine Methoden bei den Schülern nicht mehr greifen. Also greift er zu strengen Maßnahmen. Die Klasse wird daraufhin aufmüpfig. Der Klassensprecher, der die Unzufriedenheit stellvertretend für seine Mitschüler vorbringt, kriegt erstmal die fette Strafarbeit. Daraufhin rebelliert die Klasse, verweigert die Mitarbeit, das Verhältnis zum Lehrkörper ist zerrüttet, es gibt außerdem, wie immer bei solchen Anlässen, Streit zwischen den Schülern.

Was ist, wenn die Blauen unzufrieden waren? Wenn es in der Mannschaft Streitereien gab? Dann wäre es in jedem Fall richtig, die Mannschaft zur Verantwortung zu ziehen. Wenn das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer tatsächlich zerrüttet ist? Dann ist es vielleicht richtig, Jeff zu entlassen, es wäre vielleicht aber auch einen zweiten Versuch wert gewesen. Wenn, mit Verlaub, die Disziplinpeitsche ausgepackt wurde, um die Truppe wieder nach vorne zu bringen? Wenn der sportlichen Leitung nichts anderes einfiel, als die Schüler zu bestrafen? Dann war es richtig, Jeff zu entlassen. Wenn Strafen schon Mittel zum Zweck besserer Leistungen sind, spricht das nicht für einen guten Lehrer.

Stellt Euch als letztes eine echt schlechte Klasse vor. Notendurchschnitt: 5,7. Der alte Klassenlehrer kriegt das Handtuch geworfen. Der neue Klassenlehrer schafft es, die Schüler zu motivieren, sie arbeiten mit, Urwald, cooles Thema, erreichen knapp das Klassenziel, im Schuljahr darauf schneiden sie im Vergleich richtig gut ab. Sie lassen ihren Klassenlehrer hochleben. Im Jahr darauf kriegen aber alle mit, dass die Klasse dann doch nicht aus Einserkandidaten besteht und die Fähigkeiten an eben doch überschaubare Grenzen stoßen. Auch der Lehrer stößt an seine Grenzen und verliert seinen Zauber.

Was ist, wenn der Umgang mit der sportlichen Krise Mannschaft und Trainer des DSC überfordert und dann eins zum anderen kam (siehe vorherige Beispiele)? Auch dann war es vielleicht richtig, den Lieblingslehrer zu entlassen. In memoriam Stefan Krämer. Dann kehrt der neue Besen vielleicht gut.

So, Schluss mit dem bildhaften Gefasel. Vielen Dank, Jeff, für eine unterm Strich sehr angenehme Episode in der schwarzweißblauen Geschichte und viel Glück in der weiter Karriere. Und während ich das niederschreibe, wird Uwe Neuhaus als neuer Besen annonciert. Dass die Aktualität während des Schreibens überholt wird, passiert auch eher selten.

Welcher der eben aufgeführten Lehrertypen Uwe Neuhaus sein wird, werden wir sehen. Oder ob er vielleicht ein ganz anderer ist. Wie er unsere doch irgendwie immer liebenswerte schwarzweißblaue Rasselbande unterrichten wird, werden wir auch sehen.

Zu Uwe Neuhaus gibt es später was Sachliches. Für heute hat Rundumbeobachter Feierabend. Mache ich nochmal den Browser auf….? Nee, lieber nicht.

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