Arminia gegen VfB Stuttgart 2:4 – Stolz sind wir auf jeden Fall

Arminia gegen VfB Stuttgart 2:4 – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent

Eines Tages spielt der Deutsche Sportclub im Finale, Finale von Berlin… eines Tages ist heute. Eines Tages ist jetzt. Es kribbelte schon länger in der Leineweberstadt und in OWL und gerade in den letzten beiden Wochen vor dem Endspiel steigerte sich das Pokalfieber nochmal.

Stadt und Region in schwarzweißblau einschließlich Hermannsdenkmal, ungezählte Berichte und Features, ganz Deutschland erzählt sich die Pokalgeschichte des DSC, selbst die New York Times beschäftigt sich mit Bielefeld und Arminia. Ab Freitag wird es ernst. Der Rundumbeobachter ist auf dem Weg zur Arbeit, als ihm am Hauptbahnhof schon die ersten Berlin- Reisenden begegnen.

100.000 Arminen in Berlin, Ostwestfalen- Lippe im Ausnahmezustand. Die Autobahn ist voll mit schwarzweißblau. Dekorierte Autos und Busse und auf jedem Rastplatz klingen von irgendwo her die gängigen Alm- Hits. „500 Meter vor der Alm“ 200 Kilometer vor der Hauptstadt.

Fanmarsch zum Olympiastadion. Still kommen die Massen um die Ecke, offensichtliche Auflagen. Erst auf der Flakowallee, die zum Südtor des Olys hinauf führt, geht es los. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ wird der Situation angepasst: „Berlin, Berlin, wir sind jetzt in Berlin!“.

Die Massen sammeln sich vor dem Eingang Süd. Tausende in Blau an den Fress- und Sauständen, auf der Allee, auf der Terrasse des Berliner Sportbundes. Die Preise der gebotenen Spiesen und Getränke sind dem Anlass entsprechend gesalzen und gepfeffert, aber selbst die knauserigen Ostwestfalen schauen heute nicht aufs Geld. In schöner Regelmäßig hauen die Caterer, Wirte und Schankleute – „Pingbingbing!“ – auf die Trinkgeld- Klingel.

Eine S-Bahn nach der anderen bringt einen Riesen- Schwung Arminen zum Stadion. Die Leute strömen auf die Allee, Freunde und Bekannte entdecken sich und begrüßen sich herzlich. Irgendwo leicht abseits des Südtores eine wichtig deklamierende Stimme: „Das ist das Olympiastadion. Das heißt so, weil da 1936 die Olympischen Spiele stattgefunden haben.“ Jau. Und im Winter ist der Boden kalt. Ostwestfalen ist zum Finale eingetroffen.

Jetzt aber rein. 17 Uhr 30, sollte doch reichen. Hey Olympiastadion, die Uhr da geht falsch (ich sag’s ja nur…)…

Laune ist gut in der Masse vor den alten Eingangstoren…

Erstmal zumindest. Doch dann stehen wir alle da. Lange. Dann trippeln wir etwa 80 Zentimeter weiter…

…dann stehen wir wieder gedrängt da…trippeln 85 Zentimeter…eine Stunde später…

…stehen da, trippeln, anderthalb Stunden später, es wird eng und ungemütlich…

Zwei Stunden später: Ach guck, da steht aus irgendwelchen Gründen ein Wellenbrecher. Der soll vermutlich gut aussehen. Dann geht es ins richtige Gedränge, in Schlangenlininen durch Schranken. Die Menge, die das Aufwärmen der Mannschaften schon verpasst, wird sauer. Ein ebenso leidenschaftliches wie langfristig wirkungsloses „Scheiß DFB! Scheiß DFB!“. Dessen Lakaien stehen da rum. Wie sie da halt stehen, wenn sie da so stehen. Macht der Verband auch erst zum 82. Mal, so ein Pokalfinale. Toilettenbedürfnisse haben keine Chance, Notfälle hätten keine Chance.

Persönliches Highlight des Rundumbeobachters: Der Lautsprecher, der irgendwann durchsagte, dass irgendwo auch ein Osttor offen sei. Da will ich jetzt hin. Mit 500 Leuten vor mir und 10.000 hinter mir. Die Einlass- Situation bedarf der Aufbereitung und ist mehrfach kritisch angesprochen worden, ich schließe mich der Kritik an. Aber die Größe des Tages lasse ich mir nicht versauen.

Und die Größe des Tages ist spätestens mit dem Betreten des Blocks im Olympiastadion zu fühlen. Der Rundumbeobachter hat schon Arminia- Spiele in Dortmund vor 80.000 Zuschauern erlebt. Aber Pokalfinale, die besondere Atmosphäre, die Würde, die das Oly ausstrahlt… ein letztes Mal fühlt es sich unwirklich an… Arminia Bielefeld, die innerhalb von zwei Jahren Pflichtspiele gegen Dortmund und Dortmund II spielen, tatsächlich zum Pflichtspiel hier im Pokalfinale!!?

Oh ja, es ist so! Unter den 75.000 im weiten Rund ein leichter Zahlenvorteil für den VfB Stuttgart, die in der Kurve gegenüber ordentlich Stimmung machen.

In ihrer Choreo lassen die Schwaben die SWR- Ikonen Äffle und Pferdle wieder aufleben (ist sehr charmant, ich hoffe aber trotzdem, dass niemals ein NRW- Club auf die Idee kommt, Ute, Schnute, Kasimir in eine Choreo einzubauen).

Arminias Choreo zeigt das, was das Pokalfinale für uns ist: DAS schwarzweißblaue Erlebnis, generationenübergreifend.

Los geht’s. Beide Kurven mit voller Lautstärke. Die Blauen spielen tapfer und engagiert, der VfB spielt technisch versiert. Ein Spielbeginn wie so einige in dieser einmaligen Pokalsaison des DSC. Arminia spielt auf das Tor da hinten. Oppie flankt, JjjNEEEIN! Man sieht Sareren Bazees Chance erst in der Wiederholung auf den Videoleinwänden. Maaaann, das hätte es sein können/müssen…

Arminia spielt wie so einige Spiele in dieser einmaligen Pokalsaison mutig nach vorne. Wer weiß, was passiert wäre, hätte Sarenren Bazee das Netz und nicht die Latte getroffen… die Taktik hätte aufgehen können. So passiert das, was bei so einer Taktik passieren kann: Innerhalb einer Viertelstunde verlieren die Blauen dreimal vorne den Ball, kommen dreimal nicht hinter den schnellen Schwaben her, müssen dreimal die Murmel aus dem Netz fischen.

0:3. Auf Block 15.2 meint eine (eine einzige) Person, das Arminia- Klischee bei einem Drei- Tore- Rückstand erfüllen zu müssen: Die Treppe raufstapfen und „Dat tu ich mir nicht mehr an!“ zu schimpfen. Glaubt er sich selber hoffentlich genauso wenig wie ich es ihm glaube. Denn Arminia spielt nicht schlecht. Die Blauen treffen hier auf einen Gegner, der sich taktisch auf sie eingestellt hat und seine Stärken effektiv gegen sie einsetzt. So wie es in jeder Runde hätte passieren können.

Das fühlt auch die schwarzweißblaue Kurve des Olympiastadions und feuert Arminia an. Natürlich schnauft auch die Stimmung beim 0:3 etwas, aber schon bald halten wir in der Lautstärke wieder mit den Stuttgartern mit.

Halbzeit. Und seid Ihr eines Tages dann gestorben, dann singen Eure Kinder dieses Lied von tausenden Arminen in der Hauptstadt und sie träumen von diesem großen Sieg.

Ja, geträumt haben wir alle davon. Der Rundumbeobachter hat in seiner langen Zeit mit Arminia immer wieder mal erzählt, dass er einmal im Pokalfinale stehen will. Egal, wie das ausgeht. Und das ist jetzt. Dieser Traum ist wahr. Lasst ihn uns genießen. Auch wenn es inzwischen…

…steht und der Pokalsieg spätestens jetzt weiter ein Traum bleibt. Und die schwarzweißblaue Kurve fühlt es ähnlich. Natürlich sind wir traurig, wie man eben traurig ist, wenn die Mannschaft des Herzens ein Fußballspiel verliert. Aber die Größe des Moments, des Erlebnisses, wir sind mit unserer Arminia hier, die fühlen wir und feuern die Blauen an.

Flanke von rechts und JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! DA ISSEEEES! KAAAANIA! Umarmen, freuen, das Tor, das die Blauen sich verdient haben! „BIELEFELD! BIELEFELD!“ aus voller Kehle mit voller Wucht! „WIR SIND IMMER DABEI, OB NAH ODER WEIT, IN EWIGKEEEEEIT!“. Und gerade, als der Gänsehautentzündungsklassiker (das ist jetzt nicht nur chronologisch zehn Jahre her) wieder ein bisschen abebbt, legen sich die Schwaben selber einen rein und…JAAAAA reicht für diesen Torjubel und den Schwung nicht, den das „Immer dabei!“ danach bekommt. Formulieren wir es so: In Osnabrück wäre das Dach weggeflogen. Das Pokalfinale 2025 endet für Arminia Bielefeld mit einer 2:4- Niederlage gegen den VfB Stuttgart. Stimmt sportlich so.

Gratulation an den VfB. Man kann gegen unsympathischere Clubs verlieren. Gliggwunsch lieb Schduddgardr!

Wir feiern die Mannschaft, die sich mehr als gut verkauft hat. Der Vorsänger beschwört die Größe des Augenblicks, die Generationen von Arminen, die es nicht erleben konnten. Und da ist dann doch Rührung. Und Stolz. Denn Stolz sind wir auf jeden Fall.

Arminia kam als Pokalheld und ging als Pokalheld, nicht mehr, nicht weniger. Sportlich wird dieses Finale genauso vergänglich sein wie es jeder Aufstieg war und die Realität wir uns wieder einholen. Was uns bleiben wird ist die Erinnerung an ein historisches, einzigartiges Erlebnis. Zum Leben mit Arminia, zum ständigen Auf und Nieder, zum immer wieder neu beginnen müssen, zu Darmstadt, Wiesbaden und dem ganzen Rotz, zu Niederlagen gegen Bayern und Verl innerhalb von zwei Jahren, zum erneuten Aufstieg kommt jetzt ein Pokalfinale zu unserer schwarzweißblauen Erlebniswelt dazu.

arminia gegen vfb stuttgart

Und spätestens wenn man das Innehalten zahlreicher Fans an der Erinnerungswand im Olympiastadion gesehen und gefühlt hat, weiß man: Das war ein sehr intensives Erlebnis. Ein Erlebnis, das eine Menge für unsere leidgeprüfte schwarzweißblaue Community und ihre Wahrnehmung auf Ostwestfalens Gloria bedeuten kann. Irgendeine technische Raffinesse zaubert lange nach dem Abpfiff eine Lichtprojektion des DFB- Pokals an den Berliner Nachthimmel. Ein kleiner Fan lässt sich damit von seiner Oma fotografieren. „Schöne Erinnerung an Deinen zehnten Geburtstag!“, sagt Oma. Der Rundumbeobachter gratuliert dem Lütten. „Jetzt bin ich zehn und Arminia war im Finale. Jetzt wird alles anders.“, verkündet dieser strahlend. Das könnte sogar stimmen. Für uns alle.

Mehr Eindrücke

Empfehlung: Die „Fußballfibel DSC Arminia Bielefeld“ mit jeder Menge schwarzweißblauer Lagerfeuergeschichten. Das Buch gibt es bei Thalia. Oder bei amazon. Oder im Fanladen. „90 Minuten Arminia“ habt Ihr schon…?

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