Arminia gegen Werder Bremen 1:0 – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent
Mönsch, da isser wieder, der DFB- Pokal! Mönsch, da isses wieder, das DFB- Pokal- Flutlichtspiel auf der Alm! Mönsch, da isses wieder, das DFB- Pokal- Flutlichtspiel auf der Alm gegen Werder Bremen!

Schon morgens beim Frühstück ein Hupkonzert auf den Straßen bei Rundumbeobachters Zuhause. Mittags ein Hupkonzert auf den Straßen bei Rundumbeobachters Arbeit. Autokorsos, obwohl der DSC erst Stunden später gewonnen haben wird. Das ist die Arminia von heute (oder besser: von jetzt). Früher hatten wir vor Spielen so wenig Erwartungen wie möglich, um so auch so wenig wie möglich enttäuscht zu werden. Heute haben wir Erwartungen, von denen wir bisher gar nicht wussten, dass man sie überhaupt erwarten kann.

Zumal Arminia nach dieser Saison, nach Aufstieg, nach Pokalfinale, mit der letzten Pflichtspielniederlage im März (Berlin zählt nicht als Niederlage) und nun mit dem furiosen Zweitligaauftakt allen Anlass für ungekannte Erwartungen gibt. Und dann kommt noch Werder Bremen, die vor einem Jahrzehnt und zuletzt vor einem knappen halben Jahr schonmal aus dem Pokal gekegelt wurden. Am meisten ostwestfälisch ist dieser aufgeschnappte Kommentar vor dem Spiel unter der Südtribüne: „Mein Gefühl ist so gut, das kann heute nur schiefgehen.“

Die Atmosphäre auf der Alm zeigt eigentlich keine besondere Erwartungshaltung, sondern ist eine „normale“ Alm- Pokal- Stimmung – was an sich ein hohes Qualitätssiegel ist. Der Unterschied zu früher ist allenfalls der, dass „Wir fahren nach Berlin!“ nicht schon prinzipiell früh im Match angestimmt wird. Die Choreo träumt von einer Wiederholung der Ereignisse aus dem vorherigen Pokalwettbewerb. Und träumen ist erlaubt. Erst recht für eine Choreo.

Die Hitze, die die letzten Tage über Ostwestfalen-Lippe brütete, geht mit schwüler Luft zu Ende. Dies in Kombination mit tausenden schwitzender Leiber macht Block 3 heute Abend zu einer Kreuzung aus Sauna und etwas, das der Rundumbeobachter seit seinem letzten Bauernhofbesuch nicht mehr gerochen hat. Cooool! „Keinen Schmerz vortäuschen!“, sagt Block 3. Logisch folgt daraus, dass wir den Schmerz nicht vortäuschen, sondern tatsächlich haben werden, oder?

Angepfiffen! Werder und Arminia spielen lebendig nach vorne und nähern sich so halb den ersten Abschlüssen. „Heeey…. was war los!“, juchzt Block 3, der die faszinierende Fähigkeit besitzt, eine Szene zu bejubeln und gleichzeitig zu fragen, welche Szene zu bejubeln ist.

Deutlicher ist das kollektive „Ough!“ als Bremen knapp am langen Pfosten vorbei zielt. Dann muss Arminia wechseln. Tim Handwerker zwickt die Stelze, Hagmann kommt. Er geht auf rechts, Lannert kommt rüber auf links. Die Blauen müssen sich in der neuen Formation erstmal finden, können aber die Bremer, die den Braten durchaus riechen, mit Einsatz und Geschick von Kirstens Ker… Kerskens Kiste weghalten.

Stimmung ist laut, Stimmung ist gut, auf beiden Seiten. „Für Dich singen wir unsere Lieder, unsere Lieder immer wieder!“. Das ist auch nötig, da Werder im letzten Drittel der ersten Hälfte (oder umgerechnet: Im dritten Sechstel des gesamten Spiels) stärker aufkommt. Irgendwelche Erwartungen auf Block 3? Nein. Im Spiel lebt man ja eh für den Moment und dieses Spiel hat einige spannende Moment, wenn auch kaum Torchancen. Ach doch, ein Statement von Block 3: „Wir sind eine Pokalmannschaft!“. Nee, dann wären die da unten die Blauinnen. Und selbst bei denen ist das tagesformabhängig.

Halbzeit. Da muss Ozzy sterben, um auf der Alm gespielt zu werden…

Während der Tee- Viertelstunde hat Block 3 reichlich Phrasen zur ersten Hälfte ausgetauscht. „Spiel auf Augenhöhe“. „Das Spiel lebt von der Spannung“. Was bedeutet das hinsichtlich einer Ergebnisprognose? Erwartungen? Spiele wie dieses riechen stark (außer nach Bauernhof) nach Verlängerung. Oder Elfmeterschießen. Als angestoßen wird fordert Block 3 „Weitermacheeeen“ – womit?

Arminia macht anders weiter, nicht nur mit Zug zum Strafraum. Nun gibt es tatsächlich Zug zum Tor. Kania ist im Spiel, Jonny Grodowski geht nach rechts, versucht einiges und sorgt für Beschäftigung in der grün- weißen Defensive einschließlich des Bald- Ex- Bremers Zetterer. Das passiert genau vor Block 3, der entsprechend mit Anfeuern, Brüllen und lautmalerischen Kommentaren wie „Mrrblaaabl!“ beschäftigt ist.

Und dann sorgt Leo Bittencourt dafür, dass der Rundumbeobachter sich alt fühlt. Es ist nämlich das zweite Mal dass das ewige Talent auf der Alm vom Platz fliegt. Damals, als er für Dortmund II spielte und Johannes Turnvater Rahn weggefretzelt hat. Das war 2012. Weiß Bittencourt vermutlich gar nicht mehr. Die gezückte rote Karte wird laut bejubelt und die schnellste Ampel seit Manuel Schnapper Riemann ist genau wie beim 5:1 gegen Düsseldorf der entscheidende Knackpunkt des Spiels. „Wichtig!“, prophezeit Block 3.

Und wie schon gegen die Landeshauptstädter macht Arminia es taktisch richtig: Das Spiel schööön in die Breite ziehen gegen die dezimierten Bremer. Kania fordert Zetterer alles ab, als er die Pille mit der Hacke ins Netz legen will. Und Grodowski rennt weiter an, durch und gegen die Werder- Abwehr.

Richtig fette Torchancen springen eigentlich nicht raus. Erwartung: Mehr und mehr Verlängerung. Bei Werder Bremen hadern sie zur Zeit mit der Kaderplanung- Clemens Fritz muss den Arabi von der Weser geben. Düstere Zeiten beschwören sie dort herauf. Und wenn man bedenkt, dass beim letzten Pokalclash noch Ducksch, Weiser, Silva und Burke bei den Bremern auf den Platz standen, kann man durchaus auf die Idee kommen. Insgesamt präsentieren sich die Gäste aber deutlich stärker und mit mehr Konzept als noch im Februar. Es ist Werder zugute zu halten, dass sie auch in Unterzahl weiter forsch nach vorne spielen (und umso mehr ist Arminia der Sieg zugute zu halten. Isso.).

Übrigens auch nicht im Kader der Bremer ist Amos Pieper. Sollte man hier erwähnen, da Block 3 den Ex- Bundesliga- Blauen gleich mehrfach gesichtet haben will. „Amooos!“. Ist aber auch schwierig. Viele Bremer Kicker haben dieselbe Frisur wie Amos Pieper. Warum Block 3 auch „Oppiiiiieee…“ gesichtet haben will, weiß nur Block 3.

Arminia nicht so richtig durch, Werder gelegentlich vorne, sogar mal vor Kersken. „Dat is‘ Verlängerung!“, legt sich Block 3 fest. Nee, noch ist Nachspielzeit. Boakye, der Grodowski als Rennwiesel auf rechts abgelöst hat, haut den Ball flach in den Strafraum… jetzt, Corboz lässt,… IsistopptbittemachihnJAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! Die Leiber fallen übereinander her, WIR HABEN ES! ISIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII! (Der Ex- Bremer ist. Wusste ich auch noch nicht).

Der letzte Stunt gehört dem SchiRi, der erst eine Abseitsstellung zurückpfeift und sieben Sekunden (oder so) später das Spiel beendet. Arminia hat es schon wieder getan.

„OOOOH, WIE IST DAS SCHÖÖÖÖN, SOWAS HAT MAN LANGE NICHT GESEHN!“ Na ja, so lange ist das alles ja jetzt nicht her.
Erwartungen erfüllt? Ja, wenn man was erwartet, was man früher nicht erwartete, weil man nicht erwartete, dass man es überhaupt erwarten konnte. Gutes Gefühl bestätigt? Ja, wenn auch gänzlich unostwestfälisch. „Ihr holt uns den Pokal und Ihr führt uns nach Europa“ darf man nach dem Spiel singen, das ist so prinzipiell und rituell geworden wie früher das „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“. Und „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“ brüllen wir mit einem anderen Hintergrund als noch vor Jahresfrist. Fühlt sich irgendwie weiser an.

Mal schauen, wie lange das alles anhält. Hoffentlich lange.

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