Wat willste machen – Arminia gegen Wolfsburg 0:5

Arminia gegen Wolfsburg – Rundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent

Zu Beginn ein dickes Dankeschön an den Arminia Supporters Club und an die Frauen- und Mädchenabteilung des DSC, dass sie den ASC-Liveticker und damit diesen Live-Bericht von Arminia gegen Wolfsburg ermöglicht haben. Das ist in Corona-Zeiten alles andere als selbstverständlich, also: DANKE! DANKE! DANKE!

Arminia gegen Wolfsburg

Es wird lockerer rund um die Kronenbazille- von Normalität kann aber keine Rede sein. Prä-Corona bist Du los mit Bahn und Bus nach Windflöte, hast Eintritt gezahlt, jede Menge Hände geschüttelt, Kaffee und Kuchen zu Dir genommen, Dich über die dazu benötigten Wertmarken lustig gemacht und von verschiedenen Standorten am Spielfeldrand den Auftritt der Blauinnen verfolgt.

Diesmal beginnt der Besuch auf der Postheide mit einer Vorab-Akkreditierung. Arminia schickt eine Mail mit Lage-und Aufenthaltsplan auf der Postheide sowie einem Formular, auf dem man per Unterschrift versichert, keine Symptome zu haben, nicht in einem Risikogebiet gewesen zu sein, keinen Kontakt zu…Ihr kennt die Regeln. Das Formular ist mitzubringen einschließlich Perso. Am Zugang zum Platz wird Fieber gemessen (mit diesem Laserpistolending vor der Stirn). Man bekommt ein Leibchen und einen Akkreditierungsausweis und begibt sich in die Zone, in der man sich während des Spiels aufzuhalten hat. Im Falle des livetickernden Rundumbeobachters ist ein orangenes Presseleibchen und die „Zone 2“, Presse Heimteam. Rundumbeobachters Körpertemperatur übrigens: 35,6°. Damit hat er kein Fieber, gilt medizinisch aber als „leicht untertemperiert“. Lies: Cool. Quot erat demonstandum!

Mit den ganzen Absperrungen, den Leibchen und den obligatorischen Mund-Nasen-Bedeckungen erinnert meine liebe Postheide an bisschen an E.T., als das Haus von Elliotts Familie von der Außerirdischenabwehr zur Quarantänestation umgepflügt wird. Nicht falsch verstehen, das bis hierhin Erzählte ist keine Kritik oder Drüber-lustig-machen (geht auch schwer ohne Wertmarken), sondern eine Beschreibung der in diesen Zeiten außergewöhnlichen und notwendigen Rahmenbedingungen. Quasi ein histoooooorisches Dokument! Cool (35,6°)! Kommen wir nun endlich zu den anderen historischen Dimensionen dieses Happenings und zum Happening selbst.

Zum ersten Mal in der abwechslungsreichen Sportclub-der-Ostwestfalen-Historie steht Arminias Frauenmannschaft im Halbfinale des DFB-Pokals. In der Vorwoche wurde Bundesligist SC Sand mit 3:2 besiegt – eine sensationelle Leistung! Dass der Gegner im Halbfinale VfL Wolfsburg heißt, ist gleich mehrfach historisch. Einerseits war die letzte Auflage dieser Pokalpartie (Dezember 2016) der höchste Zuschauerbesuch, den die Blauinnen bis heute zu verzeichnen haben. Und die Gänsehautentzündung bei den Kerls muss ich ja wohl nicht erwähnen.

Arminias Frauen treffen auf den souveränen Bundesliga-Tabellenführer. Bei den Wölfinnen sitzt die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft auf der Bank. Neben ihr sitzt die Torhüterin der schwedischen Nationalmannschaft, WM-Dritte mit Olympia-Silber. In der Startelf ist aber (unter anderem) immerhin noch Platz für Olympia-Gold, die Kapitänin der portugiesischen Nationalmannschaft, Europas Fußballerin des Jahres 2018 und über 200 Länderspiele für die Schweiz. Kein Platz ist leider für Lena aus Löhne. Bei den Blauinnen spielen die Blauinnen, ein Qualitätsmerkmal, das keine Titel nötig hat. Trotzdem ein eindeutiges Kräfteverhältnis.

Allerdings ist in den ersten zehn Minuten davon erstmal nichts zu spüren. Wolfsburg ist zwar am Drücker, aber Arminia verteidigt sehr konzentriert und versucht, Nadelstiche durch lange Bälle nach vorne auf Sarah Grünheid und Sophia Thiemann zu setzen. Das geht einmal sogar fast gut, als SG21 sich den Ball etwas zu weit vorlegt. Kurz darauf haben die Blauinnen ihre erste Ecke, die aus irgendeiner Zone mit „Sack zumachen!“ kommentiert wird. Klappt nicht so ganz. Auf beiden Seiten nicht. Trotz drückender Feldüberlegenheit und gut flitzenden Kombinationen fällt dem Dauermeister wenig ein, um den Teutoburger Wald zu erobern. Zum 0:1 braucht es einen Foulelfmeter, den Grit Bender an Svenja Huth (das vorab erwähnte Olympia-Gold) verursacht haben soll. Es trifft Pernille Harder (die vorab erwähnte Europas Fußballerin des Jahres 2018).

In der Folgezeit trifft Wolfsburg dreimal den Pfosten, dreimal pariert Torhüterin Joyce Lee Braun richtig stark. Die Wölfinnen haben Feldüberlegenheit für drei Spiele. Die Blauinnen motivieren sich gegenseitig. Auch Wuckel feuert von der Seitenlinie an. Quasi in double time brüllt er seine Anweisungen über die Postheide, an die Mannschaft, an einzelne Spielerinnen, immer positiv, immer motivierend. Die Blauinnen kämpfen, spielen defensiv sehr konzentriert und fighten. Die Kampfmoral war für Arminias Frauenteam noch nie ein Problem und ist es auch heute das gesamte Spiel über nicht.

In der 38. Minute sind Kampf, Torhüterin und Pfosten aber machtlos gegen Pia-Sophie Wolters humorlosen Schuss von der Strafraumlinie. „Weitermachen, scheißegal!“ donnert Wuckel. Recht hat er! Und Arminia kämpft weiter eine gute Abwehrschlacht bis in die Nachspielzeit von Hälfte eins.

Halbzeit. Vor die Eingangstore. Eine rauchen. Jede Menge gleichwohl Ungefragtes wie Unnützes über Siedlungen im Kreis Herford erfahren. Von einem der vielen Zaungäste, die von außerhalb versuchen, einen Blick auf das Pokalhalbfinale zu erhaschen. Normalerweise nicht die feine Art – aber was willste in viralen Zeiten machen?

Durchgang Nummer Zwo präsentiert sich genauso wie Durchgang Eins. Drückende Wolfsburg-Überlegenheit und die Blauinnen kämpfen mutig weiter. In der 52, Minute fällt das 0:3, ein abgefälschter Schuss. Die Stadionregie haben heute Spielerinnen übernommen, die nicht im Kader sind. Über die Torschützin herrscht Uneinigkeit. „Die drei?. Die Fünf wird vorgeschlagen, aber als unwahrscheinlich abgelehnt: „Die haben aber die Drei abgeklatscht.“ War aber die Fünf. Claudia Pires Neto (die vorab erwähnte Kapitänin der portugiesischen Nationalmannschaft).

Damit ist die Sache gegessen. Trotzdem kämpfen die Blauinnen weiter und auch Wuckel motiviert weiter. „Richtig vong Rausrücken her!“, ruft der Coach. Echt. „vong“!. I bims, der Wuckel. Auch die Mädels selbst muntern sich auf: „Arminia, kommt nochmal!“. Allerdings gehen so allmählich die Kräfte aus. Die eingewechselte Dilara-Soley Deli senst die ebenfalls eingewechselte Alex Popp (die vorab erwähnte Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft) von hinten um. Na ob das so gemeint war mit dem „nochmal kommen“? Vom Spielstand und von der Spielminute her wäre jetzt der dramaturgisch passende Zeitpunkt für die Gänsehautentzündung, aber…Gründe sind bekannt, aber wat willste machen.

Der Rest des Spiels ist schnell erzählt. Die Blauinnen werfen das letzte an Sprit rein, Wolfsburg spielt zweimal die Klassenüberlegenheit aus. Claudia Pires Neto (die vorab erwähnte Kapitänin der portugiesischen Nationalmannschaft) und Sarah Gunnarsdottir (die vorab noch nicht erwähnte Alex Morgan des isländischen Fußballs) schließen zwei feine Kombinationen zum 0:4 und 0:5 ab. Aus die Maus.

Ist die Niederlage „verdient“? Nach den Spielanteilen und dem Spielverlauf: Ja, klar. Aber „verdient“ ist hier nicht die Frage. Die Voraussetzungen waren so unterschiedlich, dass „verdient“ der Leistung der Blauinnen nicht gerecht wird. Arminias Frauen haben gekämpft, geackert, gefighted, haben sich die Lungen zweimal aus dem Leib gerannt. Sie haben eine historische und mehr als respektable Pokalsaison hingelegt und zwei Bundesligisten gekegelt. Sie haben gegen das übermächtige Golfsburg alles reingehauen, was ging. Natürlich ist verlieren doof, aber unsere Frauen können erhobenen Hauptes auf die unvollendete Saison blicken (in der sie den Klassenerhalt auch geschafft hätten. Mit Sicherheit!). Obwohl die Niederlage „verdient“ war. „Verdient“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie kurz Fußballphrasen greifen.

Da die Saison unvollendet ist, muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass dieses historische Spiel auch das letzte zweier verdienter Blauinnen für Ostwestfalens Gloria war. Liebe Sophia Thiemann, viel Glück bei der SGS Essen – vielleicht spielst Du ja doch für einen Pokalsieger in der nächsten Saison. Liebe Bella (Wuckel: „Anna“) Jäger, alles Gute für Deine Trainerinnenkarriere! Ein Running Gag, der mir fehlen wird.

VAR (Visuell aufmerksamer Rundumbeobachter):

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