Die Blauen 2025 – Ein Jahr für 120

2025. Arminia Bielefeld wird 120 Jahre alt. Und beschert sich und allen, die mit ihr halten und mit ihr fühlen, ein einzigartiges, wunderbares, das großartigste Jahr der Vereinsgeschichte. Wegen eines Aufstiegs, wegen eines Ausflugs nach Berlin. Und noch ein paar anderer Dinge…

Die Blauen 2025 – Jahresrückrundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent

…doch der Reihe nach.

Holperei und Meckerei

Denn obwohl uns 2025 mit Jubiläum, Aufstieg und Pokalfinale immer als ein herausragendes und besonderes Jahr in Erinnerung bleiben wird, sollten wir nicht vergessen, dass es durchaus verhalten losging. Der Totalzusammenbruch 2023 ist noch nicht sooo lange her. Im Jahr #2 des Kniatschen Neubeginns, ein halbes Jahr nach dem Hallenser Pfostenschuss, ist Arminia Bielefeld nach einer im großen und ganzen soliden Drittliga- Hinrunde mit 31 Punkten Vierter der Tabelle. Ein Punkt ist es bis zum Relegationsplatz, sechs bis Energie Cottbus auf Platz Zwei.

Die Blauen 2025 – Ein Jahr für 120

Wir gewöhnen uns an eine neue, stabilere Drittliga- Arminia. Dass der DSC nach einem 3:1 gegen Freiburg im Dezember 2024 im Viertelfinale des DFB- Pokals steht, ist schön und versüßt die Spielzeit. Dennoch sind wir immer noch dabei, uns mit der abgestürzten ostwestfälischen Gloria zu versöhnen. Vor Jahresfrist empfahl der Rundumbeobachter noch für 2025, einfach nur „unsere gemeinsamen schwarzweißblauen Rituale und unsere Liebe zu diesem Club zu leben.“

Denn Träumen ist angesichts der Tabellensituation doch etwas gewagt und schon die ersten Spiele nach der Winterpause zeigen, dass der schwarzweißblaue Versöhnungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Das erste Pflichtspiel des Jahres, gegen Energie Cottbus und damit mit der Möglichkeit, oben anzugreifen, geht mit 0:2 verloren. Und dass trotz guten Spiels. Und dass mit zwei taktischen Fehlern.

Als Arminia dann mit 4:0 beim kleinen BVB gewinnt, reden die einen von „Trendwende“, die anderen kritisieren, wie schon die ganze Winterpause hindurch, das Spielsystem, einzelne Spieler und natürlich den Trainer. Das Spiel auf roter Erde tat insofern gut, als dass sich die Mannschaft nach einem Dortmunder Eigentor einspielen konnte und ansehnliche Tore erzielte.

Dass aber „Trendwende“ nicht nur ein Spiel umfassen kann, zeigte sich dann deutlich beim Heimspiel gegen Rotweiß Essen. Die Blauen rennen, laufen und kämpfen, aber zwei recht glückliche Essener Treffer genügen, um die Mannschaft auszuknipsen.

Pfiffe gibt es beim Essen Spiel. „Kniat raus!“- Rufe. Mael Corboz wird sauer, wischt Block J die Windschutzscheibe und wird daraufhin zum Zielobjekt der schwarzweißblauen Unzufriedenheit. Ob es tatsächlich, wie später gesagt wird, einige wenige sind, die ihren Unmut auf der Alm und im Internet laut rauskotzen, sei dahingestellt. Jedenfalls zeigt das, dass die Wunden der letzten zwei bis fünf Jahre in der Fanseele noch nicht verheilt sind.

Und es zeigt, dass das schwarzweißblaue Umfeld emotional immer noch bis ins letzte gefordert ist, wenn Arminia Arminia ist: Immer auf einem steinigen Weg voran. Treue ist unsere Stärke, Geduld ist es nicht. Und das 0:1 in Sandhausen, das ähnlich zustande kommt wie die beiden Heimniederlagen, hilft dabei auch nicht.

Es fängt an zu rollen

Und so kriegen wir auch kaum mit, dass es so allmählich anfängt zu rollen. Tatsächlich wiegt die Niederlage in Verl in den Debatten rund um die Alm schwerer als das Tor von Corboz beim mühevollen Heimsieg gegen Wismut Aue oder der 3:0- Auswärtserfolg bei 1860 München, der sportlich schon ein Ausblick auf das furiose Saisonfinale ist.

Arminia trifft das Tor wieder – der Nachwuchs des VfB Stuttgart bekommt nach dem Sieg in Giesing vier Dinger eingeschenkt. Aber da sind die Blauen gerade in das Pokalhalbfinale eingezogen, was den Fokus von Block 3 und Nachbarschaft etwas erweitert und sicherlich heilend gewirkte hätte, wäre da nicht die Niederlage in Verl gewesen.

So sind wir mit dem Gefühl irgendwo zwischen Pokalgenuss und vermeintlicher Liga- Tristesse. Nach einem gut herausgespielten Sieg gegen Saarbrücken ist die Spitze aber wieder in Griffweite. Nur darf Verl, Sandhausen, Cottbus, Essen tatsächlich nicht mehr passieren, will Arminia noch ernsthaft in den Aufstiegskampf eingreifen.

Zum Jubiläum nicht aufzuhalten

Und sowas passiert auch nicht mehr. Inwieweit die Erfolge im DFB- Pokal die Mannschaft beflügeln, ist nicht zu ermitteln. Fest steht im Rückblick, dass die Niederlage in Verl die letzte Liga- Niederlage für fünf Monate ist. Danach spielen die Blauen die Dritte Liga her. Eine taktisch reife Leistung und ein Russo- Tor bescheren ein 1:0 in Osnabrück. Nach dem 2:2 gegen Hannover II sind die immer noch/schon wieder drittplatzierten Saarländer wieder einen Punkt voraus, die immer noch/schon wieder zweitplatzierten Cottbuser fünf Punkte.

Beim Auswärtssieg in Aachen zeigt Arminia als frisch gebackener Pokalfinalist (jaja, Pokal kommt ja gleich) keinen Party- Kater. Und weil den Blauen kein Verl mehr passiert, der Konkurrenz aber schon, sind sie nach einem 4:2 gegen Wehen Wiesbaden auf einem direktem Aufstiegsplatz. In Köln wird ein enges Spiel mit 2:0 gewonnen. Und Hansa Rostock, in der Vergangenheit ein Angstgegner, wird – bei allem Respekt – auf der Alm nach allen Regeln der Fußballkunst auseinander genommen.

Auch Ingolstadt hat der schwarzweißblauen Wucht nichts entgegenzusetzen.

Dann kommt der 3.Mai 2025 und damit der 120. Geburtstag des DSC Arminia Bielefeld. Heimspiel gegen Dresden. Zweiter gegen Erster. Ein, wie wir heute wissen, vorweg genommenes Zweitligaspiel. Die Alm macht eine komplette Choreo. Die Fahnen, die die aktive Fanszene an die Stadionbesucher verschenkt, gehören auch danach zum Tribünenbild im Bielefelder Westen (und, das am Rande, zur Schlafzimmerwand des Rundumbeobachters).

Und das Match verläuft in einer Dramaturgie, wie es sich ein Drehbuchautor nicht besser hätte ausdenken können: Ausgeglichenes Spiel mit leichter schwarzweißblauer Überlegenheit. Dann die Dresdner Führung. Die Elbflorentiner im Gäste feiern bereits den Aufstieg, als Oppie in der Nachspielzeit einen Ball reinflankt, den sich Dynamo selbst in die Maschen flippert- ein Torjubel so wild und emotional wie in den Pokalspielen. Und ein Unentschieden, das sich wie ein Sieg anfühlt.

Also noch kein Aufstieg für Dynamo, aber auch noch keiner für Arminia. Wie die Dresdner eine Woche später ihren Aufstieg gefeiert haben, weiß ich nicht. Wie Arminias Mannschaft ihn feierte, schon: In der Friedrich- Hagemann- Straße, im Getränkemarkt, auf dem Weg nach Unterhaching. Der Rundumbeobachter erlebt ihn auf der Alm: Nach dem Sieg der Blauinnen gegen Recklinghausen checkt Schreihals Gerd seine Telefon: „3:0 FÜR AACHEN!“. Gegen Saarbrücken. Das isses. Aufsteiger Arminia!

Da Dresden in Mannheim mit einer 0:1- Niederlage aufsteigt, erobert Arminia in Unterhaching die Tabellenführung. Die abgestiegenen Bayern spielen unsere Hymne, Titulieren den DSC auf der Anzeigetafel als „Aufsteiger“ – sehr charmant. Und wir freuen uns über ein Elfmetertor von Sam Schreck. Jeder gönnt dem besten Wühler seit Rübe Kauf sein erstes Saisontor. Eine Woche später gewinnt Arminia gegen Mannheim und ist Drittligameister.

Schnelles Spiel, viel Laufarbeit, schöne Spielzüge, abgezockt vor der Kiste, die Mannschaft war auf Vollgas. Wurde im Winter noch in unschöner Regelmäßigkeit vergessen, wo das Tor steht und nach einem Rückstand kopflos gewurschtelt, bleibt die Truppe im Trott und am Drücker. Das genaue Gegenteil der Rumpelei vom Jahresbeginn. Arminia glaubte an sich – und das Publikum tat es dann auch.

Natürlich sind die Fans vom DFB- Pokal euphorisiert (jahaaaaa, Pokal kommt ja gleich), aber auch spüren, dass sie gerade eine besondere Arminia- Phase erleben. Zu Tausenden fahren sie auswärts mit. Die Alm ist heimseitig auf der Zielgeraden der Saison immer ausverkauft. Und kein Gemecker über Fehlpässe oder Kniat, kein Gefasel im Darmstadt- Stil von wegen „mit Wiehen Wiesbaden haben wir noch eine Rechnung offen“.

Nein, nach dem 4:0 gegen Rostock sagt Block 3: „Is‘ dat schön hier“. Und meint das so! Und hat recht! Die Rechnung mit Wehen Wiesbaden hatte Arminia mit sich selber offen. Und in dieser Phase zahlt Arminia die Rechnung. Und auch viele der offenen Rechnungen in vielen schwarzweißblauen Herzen. Er tut unglaublich gut, dieser sonnige Frühling des Jahres 2025. Vom Wahnsinn angetriebeeeeen!

So, und jetzt kommt Pokal.

Berlin, Berlin, wir waren in Berlin

Denn natürlich war es der DFB- Pokal, der dieses Jubiläumsjahr 2025 zu einem besonderen Jahr machte. Dieses besondere Kribbeln, die wahnsinnige Freude bei Toren und beim Schlusspfiff. Und der historische Erfolg von Arminia Bielefeld: Pokalfinale in Berlin!

Ende Februar kommt Werder Bremen im Viertelfinale auf die Alm. Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, seit das letzte Mal eine drittklassige Arminia die Grünweißen von der Weser besiegte. Und obwohl es sich im Moment nicht so anfühlte – in Pokalspielen überwiegt die irrsinnige Anspannung wirklich alles -, spielt Arminia genau wie ein Jahrzehnt zuvor mit einer unglaublichen Moral. Die Blauen schmeißen sich in jeden Ball, kämpfen und spielen. Und auf den Rängen brüllen wir. „Ist der Wörli krank…“ japst Block 3, als dieser mit einem eleganten Schlenzer das 1:0 erzielt.

Als Corboz die Bremer zu einem Eigentor zwingt, fehlen ein paar Erinnerungssekunden… vermutlich waren sie laut. Und als Sam Schreck das später zurückgenommene 3:1 erzielt hat der Rundumbeobachter irgendeinen Halbwüchsigen auf dem Arm. Wir schreien uns gegenseitig ins Ohr. Irre! Nach zehn Jahren wieder das Halbfinale im DFB-Pokal!

Und dann kommt der 1.April 2025. Mit Bayer Leverkusen kommt der Titelverteidiger, der Double- Sieger, die Übermannschaft der Bundesligasaison 2023/2024, die zu diesem Zeitpunkt seit über einem Jahr kein Auswärtsspiel verloren hat. Der Rundumbeobachter hat im Vorfeld etwas Schönes gelesen, in irgendeinem sozialen Netzwerk: „In 99 von 100 Spielen gewinnt Leverkusen das.“

Die Gefühle rund um das Halbfinale sind kaum zu beschreiben. Man plant die Niederlage geistig ein, man verbietet sich von dem einen Spiel aus 100 zu träumen. Als Leverkusen in Führung geht, will man nicht enttäuscht sein, aber der Traum klopft trotzdem an die Hirnlappen und will getröstet werden.

Als erst Wörli den Ausgleich und dann Maxi Großer mit dem Pausenpfiff die Führung erzielt, will man sich trotzdem den Traum verbieten – das kann doch nicht sein -, aber während der zweiten Halbzeit, als Arminia zeitweise auch spielerisch mit der Werkself mithält, wird der Traum immer greifbarer, man will ihn nicht greifen, um nicht enttäuscht zu werden, aber..,. Und sowieso… und… und dann ist es 22 Uhr 42. Leverkusen hat gerade einen Konter über Biankadi und Young entschärft, will aufbauen… da ertönt der Schlusspfiff.

Im Rückblick ist es gar nicht mal das Finale selbst, es ist dieser Moment am 1.April 2025 um 22 Uhr 42, der rund um die historische Pokalreise Arminias in 2024/2025 der emotionalste ist. Diese Mischung aus Unglaube und Fassungslosigkeit (Wir haben es wirklich geschafft!), wahnsinnigem Stolz und grenzenloser Freude. Der Rundumbeobachter hat einige Minuten mit den Nachbarn auf Block 3 um die Wette geheult.

Am 24.Mai 2025 ist es dann soweit. Über 100.000 DSC- Fans machen sich auf den Weg in die Hauptstadt. Die Züge, die Autobahnen nach Berlin sind schwarzweißblau. Wir feiern in der Stadt, beim Fanfest auf dem Potsdamer Platz, in der S-Bahn zum Olympiastadion, vor den Eingängen.

Dort vergeht uns das Feiern zeitweise, denn der Einlass ist eine absolute Katastrophe. Viele sind erst knapp zur Nationalhymne auf ihren Plätzen, wenn überhaupt. Der DFB hat angekündigt, zu reagieren. Vielleicht sind wir Arminen die letzten, die unter einer katastrophalen Einlass- Situation leiden mussten. Na ja, hilft im Moment auch nicht…

…aber darum geht es auch nicht. Das ostwestfälisch- lippische Schwarzweißblau liefert dem schwäbischen Rotweiß ein angemessenes Choreo- Duell und während des Spiels ein lautes Support- Duell.

Was vier Bundesligisten nicht schafften, schafft der VfB Stuttgart: Arminia taktisch auszugucken. Gegen die schnellen Schwaben kann der frischgebackene Aufsteiger nicht schnell genug umschalten, der VfB lauert auf Fehler und schießt VfB eine 4:0- Führung heraus. Doch Arminia kämpft tapfer, kommt durch Kania und ein Stuttgarter Eigentor auf 2:4 heran und verabschiedet sich würdig aus dieser grandiosen Pokalsaison.

Ein wahnsinniges Erlebnis… für die Arminen im Stadion, für die Arminen in der Hauptstadt, für die Arminen vorm TV. Es ist nicht surreal (höchstens ein bisschen), aber doch überwältigend: Jahrzehntelang hat man das Pokalfinale im Fernsehen geguckt. Lange hat man gescherzt: „Einmal will ich Arminia im Pokalfinale sehen. Brauchen die nicht mal zu gewinnen. Nur einmal…“. Und jetzt war es wirklich soweit. Hinter dem Tor vor der unseren Kurve das Vereinsemblem mit Schwarzweißblau, das würdige alte Oly…irre!

Und was das Finale einen gewaltigen Imagegewinn für unsere Auf und Nieder- Arminia bedeutet oder bedeuten kann, zeigt zum Beispiel, dass sich ein Loddar bei uns bedankt:

Die Pokalreise findet in 2025/2026 dann ein heldenwürdiges Ende. Beim Sieg in der ersten Runde wieder gegen Bremen lassen die Blauen die Tugenden der Vorsaison noch einmal aufleben. Bei Union Berlin in der zweiten Runde verabschieden sie sich mit großem Kampf, in Unterzahl und in der Verlängerung aus dem Wettbewerb. Auch sowas, was sich ein Regisseur nicht besser hätte ausdenken können.

Und Arminia holt zum zweiten Mal in Folge den Westfalenpokal. Im Frühjahr gewinnt der DSC das Halbfinale in Siegen mit Ach und Krach. Als das Finale auf der Alm gewonnen wird, sind die Stürmer in dem blauen Hemd, die Kicker aus Westfalen, schon Aufsteiger, Drittliga- Meister und deutscher Vizepokalsieger. Da fällt es schwer, dem Westfalenpokal die Bedeutung zu geben, die er etwa für die Sportfreunde Lotte hat. Aber wer mag uns das verübeln? Ausnahmsweise mal niemand.

Aber: DOUBLESIEGER DSC!

Alt und Neu und Kino

Wie jedes Jahr in der Sommerpause heißt es auch in 2025 frei nach Helge Schneider: „Guten Tach- Auf Wiedersehn“. Wobei, geht man nach der Fanmeinung, „Auf Wiedersehn“ relativ ist. Von Semi Belkahia und Nassim Boujellab wusste wahrscheinlich keiner mehr so richtig, dass die beiden überhaupt noch im Kader der Blauen waren.

Wettbewerbsübergreifend haben beide aber insgesamt 12 Spiele gemacht, Boujellab hat zwei Tore beim wenig rühmlichen Westfalenpokalauftakt 2024 in Lipperreihe erzielt. Sonst ist von beiden kaum ein Eindruck geblieben… schade eigentlich. Gleiches gilt für Jeredy Hilterman, der irgendwie immer noch da ist und selbst aktuell, wo der Bedarf an einem „Neuner“ heiß diskutiert wird, keine Rolle zu spielen scheint. Dreimal war Hilterman auf dem Feld. Immerhin: Zwei gelbe Karten.

André Becker hat nicht nur die Rückennummer von Manuel Wintzheimer geerbt, sondern auch dessen Beliebtheit beim Publikum und konnte da genauso wenig für wie sein Vorgänger. Arminias Spielsystem ist ausgerichtet auf viel Rennen, schnelles Umschalten und eine entsprechend sprintstarke Offensivreihe. Da ist ein robuster, aber nicht unbedingt schneller „Neuner“, der nicht Fabian Klos ist, nur schwierig unterzubringen.

Was man nicht nur an Fabi selbst in 2023/2024, sondern auch an Becker sah: Becker wurde im Winter nach Mannheim verliehen und erzielte dort in 16 Spielen fünf Tore. Im Sommer ging er zum SSV Ulm, dort steht er gegenwärtig in Liga und Landespokal bei sechs Treffern. Fünf Tore erzielte André Becker übrigens auch für Arminia: Im Westfalenpokal hat er Westfalia Soest im Alleingang erledigt, im DFB-Pokal netzte er ein gegen Hannover und Union Berlin.

Das mit dem Spielsystem wird in 2026 eine spannende Frage – über Weihnachten titelte die NW mit „Arminia baut um“ und kündigte die bevorstehende Verpflichtung des ausgemusterten Nürnberger Stürmers Semir Telalović an. Mitch Kniat ist zusammen mit seinem Team recht konsequent in der Personalpolitik, er wird am besten wissen, was er tut. Nach dem (natürlich begrenzten) Verständnis des Rundumbeobachters erscheint es aber einfacher, effektive Abläufe zu trainieren, als das System um- und neue Stürmer einzubauen.

Hier wird übrigens überraschend wenig über Roberts Uldrikis geredet, den man in beiden Systemen (oder vielleicht einem Hybrid) unterbringen kann und der sich in dem Moment schwer verletzte, als es für ihn beim DSC zu laufen begann. Von dem werden wir was sehen! Ob der Abgang von Julian Kania dabei ein Nachteil ist, ist schwer zu beurteilen – es wird seine Gründe haben, warum Arminias bester Saisontorschütze kaum Zweitligaminuten bekam. Aber zurück zu den Sommerabgängen.

Mika Schroers ist nach Aachen verliehen. Irgendwie auch mit dem Gefühl, dass da mehr hätte sein können. Dieses Gefühl ist noch etwas stärker bei Kaito Mizuta, der 52 Spiele für die Blauen machte, sechsmal traf und sieben Buden auflegte. Der Japaner startet gerade bei Rotweiß Essen richtig durch uns steht bei neun Treffern. Und mit Merv Biankadi verließ eines der Gesichter des Neuanfangs unter Kniat den DSC: 77 Spiele, 19 Tore, sieben Vorlagen.

Und wenn es um Gesichter der „Ära Kniat“ geht: Der wohl schmerzhafteste Abschied ist der von Linksverteidiger Louis Oppie. Der Hammer im linken Fuß, der Mut zum Verrückten, der Wille und die ehrliche Einsatzbereitschaft, alles Eigenschaften, die schön in die nach 2023 arg angeknackste Arminia- Romantik passten, Oppie hat sie mitgebracht. Danke für 89 Spiele, elf Tore und 14 Vorlagen! Schön zu sehen, dass er sich auf St.Pauli durchgesetzt hat.

Jonathan Norbye schaffte es nicht in den Profikader und ist auch schon wieder weg. Nachwuchsspieler Max Lippert ist an die zweite Mannschaft des 1.FC Köln verliehen.

Apropos zweite Mannschaft: Arminia hat jetzt auch wieder eine U21. Die geht nach einigem Stühlerücken in Verband und Ligastruktur in der Oberliga Westfalen an den Start und steht zur Winterpause mit respektablen 23 Punkten auf Platz Acht der Tabelle.

Neu zu den Profis kommen mit Arne Sicker und Florian Micheler zwei mehr (Sicker) oder weniger (Micheler) solide Ergänzungsspieler, die Episode Micheler ist auch schon wieder vorbei. Tim Handwerker kommt von Jahn Regensburg und ist auf Anhieb ein guter Oppie- Ersatz hinten links. Zwei Tore hat er bisher erzielt, drei aufgelegt.

Es war im Herbst 2024, als die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart die Blauen nach allen Regeln der Kunst herspielte. Und ein gewisser Benjamin Boakye allen Oppies, Russos und Großers davon rannte und der Rundumbeobachter sich nur dachte: „Boah, verpflichtet den!“. Und Arminia macht das tatsächlich. Offensiv ist Boakye antrittsschnell mit Mut zum Risiko. Als er während der Saison die Position des Rechtsverteidigers übernimmt, zeigt er sich außerdem zweikampfstark und konsequent. Mit blauem Herzblut gefühlt ist Benni Boakye eine Mischung aus Isi Young und Sam Schreck: Wir feiern seine Antritte und werden uns sehr für ihn freuen, wenn er sein erstes Tor für Arminia erzielt.

Mit dem gleichen Herzblut gefühlt ist Marvin Mehlem eine Mischung aus André Becker und Mika Schroers. Die einen sagen: „Absoluter Fehleinkauf“. Die anderen sagen: „Da geht noch was.“ Tatsächlich fehlt ein bisschen die Einbindung von Mehlems Qualitäten in das Spielsystem. Aber da kann wirklich noch was gehen.

Fühlen wir weiter: Wörli! Marius Wörl ist das Gesicht der DFB Pokal- Saison. Angeblich Torschützenkönig des Wettbewerbs (ist er nicht), zumindest aber Schütze und Vorbereiter wichtiger und spektakulärer Tore. Für Hannover 96 ist er erst ein wichtiger Spieler, dann überhaupt kein wichtiger Spieler, dann setzen sie sich solange hin bis Arminia tief genug in die Tasche greift.

Riesenjubel vor dem Heimspiel gegen Dresden, als Wörli endgültig als Neuzugang bekanntgegeben wird und in Jeans und T-Shirt vor die Süd läuft. Ein Tor erzielt er seitdem in 14 Spielen. Man könnte jetzt fies fragen, was Wörli anhand der Zahlen besser macht als zum Beispiel Biankadi (für den auch die zweite Liga kein Neuland gewesen wäre), aber muss dann sachlich antworten: Wörli ist in seinen zwei Leihjahren beim DSC gewachsen, hat Talent für zwei, bei ihm geht definitiv noch was nach oben.

Ein Volltreffer dagegen ist der in Hannover ebenso (un)wichtige Taddel Momuluh. Der spielt zeitweise hinten rechts und macht da einen guten Job. Vor allem aber wird er auf dem rechten Flügel eingesetzt und erfreut mit Zweikampfstärke und Spielwitz. Wenn der jetzt noch seine Fallsucht in den Griff kriegt… Egal, der macht Freude und wenn ihn nicht noch jemand wegkauft, wir er weiter Freude machen.

Der Rest der Sommerpause ist beherrscht von schwarzweißblauem Hype. Die Dauerkarten sind innerhalb von Minuten weg. Und Arminia setzt sich mit dem 150- Minuten- Epos „Schwarzweißblau ist unsere Welt“ ein cineastisches Denkmal für diese außergewöhnliche Saison. Aus den ursprünglich geplanten sechs Vorführungen im Kino werden sechs Wochen, auch in München läuft der Film im Flimmerhaus. Sollte das tatsächlich jemand noch nicht gesehen haben… Bitteschön. Keine Angst vor zweieinhalb Stunden, sind keine Längen drin. Und Mael Corboz sagt ganz oft „Poah…“ und steckt im Verlauf des Films damit seinen Cheftrainer an. Süß!

Zum Testspiel vor Saisonbeginn kommt der AS Monaco auf die Alm und gewinnt in einem öden Kick mit 3:0.

Schwung mitgenommen

Arminia ist in, Arminia ist hipp, Arminia ist noch mehr funky als in 2015! Das Publikum surft auf der Pokalwelle, auch in der Zweiten Liga, wo alle Spiele der Hinrunde heimseitig ausverkauft sind. Dass wir beim 5:1- Auftaktsieg gegen Düsseldorf nicht „Oh, wie ist das schön“ anstimmen, liegt daran, dass wir es vor lauter Andere- Sachen- Singen – wie etwa „Spitzenreiter, Spitzenreiter, heyhey!“- nicht mehr unterbringen.

Die Tabellenführung verteidigen die Jungs mit einer taktisch souveränen Leistung in Kiel trotz eines Platzverweises gegen Kersken. Unterzahl ist nach einem Platzverweis gegen Lannert auch beim Heimspiel gegen Kiel angesagt und obwohl Arminia dreiviertel des Spiels ebenbürtig ist, unterliegen die Blauen den Sachsen mit 1:2.

In Braunschweig holen die Jungs ein verdientes 1:1. Das Heimspiel gegen Magdeburg wird souverän gewonnen. Viele salbadern während des Saisonstarts davon, Arminia habe „in den Pokalmodus geschaltet“. Eine schwierige Qualifizierung. Denn obwohl nach fünf Spielen zehn Punkte auf dem schwarzweißblauen Konto stehen, ist schon zu sehen, dass es in einer Spielklasse, die für die allermeisten unserer Spieler neu ist, einen ständigen „Ligamodus“ denn einen „Pokalmodus“ braucht, um bestehen zu können. Es zeigt sich auch, dass nur dreiviertel gute Spiele dazu nicht reichen.

Dreiviertel… irgendwie zu wenig

Und das soll bis zur Winterpause, wo in 12 Spielen nur neun Punkte dazu kommen, ziemlich deutlich werden. Gegen Greuther Fürth stellen sich die Blauen ziemlich bräsig an, laden die fränkischen Kleeblätter zum Toreschießen ein und verlieren 1:3.

Die 1:3- Niederlage in Hannover ist dann so ein Dreiviertel- Spiel und die Tatsache, dass die ambitionierten Roten von der Leine einen Ticken besser aufgestellt sind als der Aufsteiger Arminia. Im Heimspiel gegen Schalke haben die Blauen nicht nur die Königsblauen sondern auch den Schiedsrichter gegen sich. Sie verlieren aber gegen sich selbst: Zwei Trotteleien in der Abwehr reichten, um sich um Punkte zu bringen.

Immerhin: Die Moral stimmt. Das zeigt sich beim 2:2 in Darmstadt, als die nach dem Pokalfight in Köpenick sichtlich müden Blauen auf die Zähne beißen und sich einen Punkt erkämpfen. Eigentlich zeigt sich das auch im Nachbarschaftsduell in Paderborn, aber das ist ein Dreiviertel- Spiel. Oder eigentlich ein Fünfsechstel- Spiel. Denn im verbliebenen Sechstel hauen die Paderborner den unsortierten Blauen drei Kisten rein und so reichen drei Auswärtstore nicht zu Punkten geschweige denn zum Sieg.

Interessant ist die Reaktion des Publikums. Die Niederlage im Hochstift ist die vierte in Folge und (fast) niemand pestet über Spiele, Spieler, Trainer und/oder Funktionäre. Hier ist definitiv das Erlebnis der Vorsaison zu spüren. Die Fans haben Vertrauen in die Mannschaft und unterstützen sie. Man mag sich gar nicht vorstellen, was noch im Vorjahr nach vier Niederlagen los gewesen wäre… Und das Vertrauen ist ja auch nicht unberechtigt. Beim taktisch sauber herausgespielten 2:0 gegen Elversberg und bei der Taddel- Momuluh- Show gegen Karlsruhe zeigt die Kapelle, das sie mithält. Eigentlich zeigt sie das auch in den Spielen zuvor und dazwischen. Allerdings… es springen für den Aufwand und die Spielanlage zu wenig Punkte raus.

Enge Kisten

Auch beim 1.FC Nürnberg muss Arminia eigentlich nicht verlieren. Es ist ein enges Spiel, in dem die Blauen mindestens gleichwertig sind. Gleiches gilt für das Derby gegen Preußen, bei dem ein Fehlpass und ein Eigentor die Niederlage bescheren. Und auch beim 0:1 in Bochum geht eine enge Kiste verloren. Ein Hofmann- Kopfball reicht für Null Punkte.

Arminias Gegner verfolgen eine Taktik: Defensiv stehen und warten, bis die Blauen einen Fehler machen. Das zeigt sich gegen Münster und auch beim 0:0 gegen Kaiserslautern. Beim wenig ansehnlichen Kick gegen die Roten Teufel geht die enge Kiste immerhin nicht verloren. Beim letzten Spiel des Jahres geht es wieder ins Berliner Olympiastadion. Und als Arminia drauf und dran ist, in der Manier der jüngsten Spiele wieder eine enge Kiste zu verlieren, zirkelt Stefano Russo den Ball ins Netz – 1:1 bei Hertha BSC.

Man kann zugute halten, dass wenigstens die letzten beiden engen Kisten nicht verloren gingen. Und zweifellos ist „keine Fehler machen“ nicht die falscheste Strategie (ach was…). Allerdings hat Arminia, die nach dem 4:0 gegen Karlsruhe die stärkste Offensive der Liga stellte, lediglich zwei Tore in fünf Spielen erzielt. Eins davon ein verwandelter Elfmeter. Auf Kampfmoral, Konzentration, die Tatsache, das laufstärkste Team der Liga zu sein und auf goldene Schüsse in der Nachspielzeit sollte man sich besser nicht verlassen. Arminia beendet die Hinrunde und damit das Jahr 2025 auf Platz 14 der Zweitligatabelle, mit zwei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Ein Jahr für 120

Dieses Jahr 2025 war besonders, es war einzigartig, es war das größte Jahr in der Vereinsgeschichte von Arminia Bielefeld. Und klar liegt das am DFB- Pokal. Rechnen wir den mal raus und tun für einen kurzen Moment so, als hätte „Wir fahren nach Berlin“ nicht stattgefunden. Der Rundumbeobachter hätte hier angesichts des 120jährigen Jubiläums, des Aufstiegs, der Drittliga- Meisterschaft und wohl auch des Westfalenpokalsiegs von einem „schönen, würdigen Jubiläumsjahr“ (oder so) geschrieben. Zu Recht. Durch den Pokal sind die Attribute stattdessen besonders, einzigartig und größtes. Ebenso zu Recht. Oder wie Block 3 sagte, als nach dem Viertelfinal- Feuerwerk gegen Bremen die Dritte Liga gegen Stuttgart II anstand: „Dienstag war mehr Lametta.“

Der Pokal war das Lametta des Jahres. Das Finale in Berlin löste, natürlich beflügelt auch mit Aufstieg und Drittliga- Meisterschaft einen Arminia- Hype aus. Die Dauerkarten gingen weg wie die Finalkarten, Arminia- Klamotten und die Szene- Shirts des Pokalfinales sieht man immer öfter im Alltagsbild der Leineweberstadt.

Ein Hype hat es so an sich, irgendwann vorbei zu sein. Sonst wäre es kein Hype, sondern ein Normalzustand. Hat der Hype das Arminia- Denken und Arminia- Fühlen vielleicht auf einen neuen Normalzustand gehoben? Fest steht jedenfalls, dass in unserem kollektiven emotionalen Gedächtnis seit 2025 nicht mehr nur Auf und Nieder, nicht nur Darmstadt und Wiesbaden, nicht nur Neuanfänge und alle zwei Jahre Rathausbalkon herumspuken, sondern nun eben auch ein Pokalfinale. Das kann und das wird Effekte haben. Die Zukunft wird zeigen, wie die aussehen.

Eine Lehre haben Verein, Mannschaft und Umfeld jedenfalls aus diesem irren 2025 gezogen: „Zusammenhalt triumphiert“. Und in 2025 war es spätestens seit dem Sieg gegen Leverkusen so. Dabei ist „Zusammenhalt triumphiert“ im Rückblick auf 120 Jahre Arminia Bielefeld nichts Neues- Zusammenhalt hat den DSC immer schon ausgezeichnet. Wir haben die Erfolge zusammen geschafft. Die größten Katastrophen sind passiert, als der Zusammenhalt bröckelte.

Wenn wir es schaffen, das nicht nur instinktiv, sondern bewusst zu leben und wenn das Pokalerlebnis uns unbewusst zu mehr Gelassenheit in schwierigen Phasen verhilft, dann hat uns der Pokalhype tatsächlich zu einem neuen Normalzustand verholfen.

Das wird auch nötig, hilfreich und schlimmstenfalls auch tröstlich sein, denn sportlich ist, wie in den 120 Jahren zuvor, die Zukunft eine völlig unbekannte. Abstiegskampf ist angesagt und mit den Auswärtsspielen in Düsseldorf, Dresden und Magdeburg stehen gleich zu Beginn der Rückrunde drei Sechs- Punkte- Spiele an. Mehr Durchschlagskraft nach vorne, weniger defensive Fehler, immer ans Limit gehen, dann wird es was mit dem Klassenerhalt 2026. Angesichts der guten finanziellen Situation, angesichts der immer besser werdenden Vereinsstrukturen und hinsichtlich des vielleicht neuen Normalszustands im schwarzweißblauen Bewusstsein wäre er wichtiger denn je.

Aber wie sagte Block 3 nach dem 2:0 gegen Elversberg: „Wenn Arminia sich einfach nicht blöd anstellt, ist immer was drin.“ Das gilt sportlich, „kulturell“ und emotional gleichermaßen. Und ist das perfekte Schlusswort der Jahresrückrundumbeobachtungen.

Die Saison 2024/2025

Die Saison 2025/2026

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