VfL Bochum gegen Arminia 1:0 – Saures, Gesäuertes und Säuerliches

VfL Bochum gegen Arminia 1:0 – Rundumbeobachtungen von Jan- Hendrik Grotevent

Freitag Nachmittag und abends. Freitag Nachmittag und abends sind Zeitabschnitte, in denen man andere Dinge tun sollte, als mit der Eisenbahn auswärts zu fahren. Aber: VfL Bochum gegen Arminia ist ein Pflichttermin. Die praktische Erfahrung empfiehlt folgendes Vorgehen: Erstmal Karte für den Steher besorgen. Dann nach der Arbeit an der Stadtbahnhaltestelle stehen und eine Verkehrsverbindung nach Bochum Hauptbahnhof raussuchen, das rot blinkende Chaos bewundern und erstmal zum Hauptbahnhof (also Bielefeld) juckeln.

Dort eine Fahrkarte für alle Verkehrsmittel bis Bochum ziehen. Verspätungen checken. Futtern bei der Butterbrotkette. „Welches Brot?“ – „Gesäuertes, bitte!“ (Klassiker!). Dann den 50 Minuten verspäteten ICE nehmen – nach Feierabend darf man sich was gönnen. Sich ärgern, wenn besagter ICE in Dortmund vom eigenen Folgezug kassiert wird. In Bochum aussteigen.

VfL Bochum gegen Arminia

In Bochum selbst ist es dann einfach, den Weg zum Ruhrstadion werden die meisten von uns rückwärts laufen können. Rechts raus, Bahnunterführung rechts, die Castroper hoch, am „Haus Frein“ vorbei (ja, DIE Kneipe…ich habe mir endlich mal den Namen gemerkt), heute mal schnelle Eingangskontrollen, rumwitzeln mit den Ordnern („Nee, ich hab keine Waffen und Drogen dabei. Nächstes Mal. Versprochen“). Und rauf auf den Gästesteher.

Stimmung ist gut, auch die in Bochum schon oft bewährte Koordination zwischen Steher und Sitzer funktioniert wieder einwandfrei. Alle Arme sind oben. Die roten Blauen unten. Das Spiel ist kaum angepfiffen, als Clauss und Hartherz von rechts und links VfL-Keeper Riemann (heute mal in neongelben Entbindungsstrümpfen) unter Feuer nehmen. Und treffen. Im Gegensatz zum Tontaubenschießen kommt es beim Fußball darauf an, an der Tontaube vorbei zu schießen.

Was heißt: Erste Chance vergeigt. Das macht der VfL anders. Tom Weilandt stochert sich an ein paar zögerlich oder gar nicht angreifenden Arminen vorbei, Ortega pariert, Weilandt kriegt den Abpraller vor die Birne und die Physik will, dass der Ball daraufhin in Tegos Netz landet.

Der Gästeblock hat es daraufhin erstmal mit dem Lord, der bei der Gegentorgeschichte in der Tat nicht besonders schokoladig aussah. „Maaaan, Böanaaaa! Der spielt schlecht hinten raus und hinten rein ist es noch schlimmer!“. Sonst ist die Stimmung super im Gästeblock. Der eignet sich baulich aber auch super für gute Stimmung. Muss man anerkennen.

Und auf dem Platz? Arminias Homepage sagt: „Der DSC schüttelte sich kurz“. Na ja, kurz…der Schwung, den Arminia in der Startphase der Partie hinlegte, ist erstmal dahin. Okay, sie spielen in der Folgezeit ein Eckballverhältnis von 255:0 heraus. Ohne dabei gefährlich zu sein. Analyse auf dem Gästeblock: „So wie der zum Kopfball geht, kann der sich dabei’n Brot schmieren!“. Gesäuertes, bitte.

Die Blauen haben die meiste Zeit den Ball. Bochum zieht sich zurück. Börner vor der Mittellinie. Quer zu Brunner. Brunner zurück zu Börner. Der quer nach links zu Seufert. So geht das oft, so geht das länger. Manchmal ist auch Ortega mit dabei. Der Rest – Gastgeber und Gäste – schmiert Brote. Der Gäste block ist weiter laut. Und gesäuert. „Maaan! Ihr kriegt Geld dafür! Mehr wie ich!“. Jau. Mehr als Du. Mehr als zwölfmal Du. Wir haben auf dem Gästeblock herausgefummelt, dass Arminia in einer 3-5-2-Formation spielt.

Und da isses halt das Problem, dass die ohne viel Bewegung, gerade auf den Außen, nicht aufgeht. Brunner und Clauss auf rechts sind in Bewegung. Links ist nur Hartherz zu entdecken, der sich wie immer voll reinhaut und reichlich Bonusmeilen rausläuft, aber der auch nicht alles machen kann. Das Eckballverhältnis ist inzwischen bei 378:1. Zeit für Off-Topics im Gästeblock. „Stimmt das mit der Happy Hour hier am Bierstand?“. Habe ich auch von gehört. Angeblich zwischen der 20. und 30. Spielminute. Kann das wer bestätigen?

Aber wie die alte Weisheit sagt: Gesoffen wird sowieso. Wenn wir hier schon mal in Bochum sind: Der großartige Frank Goosen hat mal folgende Szene aus einem Block schräg gegenüber von uns dargestellt: „Ich geh mal pissen!“ – „Bring mir eins mit.“. Eine Analogie heute im Gästeblock: „Ich muss pissen, wer will auch noch was?“. Unten passiert nix mehr bis zum Pausenpfiff.

Halbzeit. Die Nahrungsversorgung in Bochum hat sich im Vergleich zu den Neunzigern deutlich gebessert. Die Nahrungsentsorgung bleibt aber ein zeitloses Thema. Die bretonischen Kelten hatten die Philosophie, dass jeder Gegenstand und jede Einrichtung ein Symbol für etwas tiefer gehendes sei und alles zusammen ein Zusammenspiel tiefer Symbolik sei. Daraus folgt: Bretonische Kelten waren noch nie im Bochumer Gästeblock kacken.

Vogi kommt für Christiansen, der irgendwie nicht in 3-5-2 passte. Vogi bringt etwas mehr Dampf in die schwarzweißblauen Offensivbemühung, die zunächst mal wieder ein paar Ecken, aber keine Tore einfahren. „Deutscher Sportclub Allez!“. Auf den Rängen ist Arminia weitaus zwingender als auf dem Platz. Dort sind Highlights im übertragenen Sinn selten. Im wörtlichen Sinne sorgen die beiden Anzeigetafeln für interessante Farbenspiele auf dem Rasen. Orange war krass…

KRASS! Vogi an den Pfosten. Endlich hat sich mal einer durchgetankt! Nun muss es aber mal losgehen, oder? Und ja, die Blauen machen Alarm! Börner köpft eine Ecke (Nummer 4.744) ans Metall. AAAARGH! Mehr Tempo ist drin, mehr Schwung, der VfL-Strafraum bleibt aber trotzdem weitesgehend arminiafreie Zone. Immer außen rum. Nur Clauss und Edu versuchen es aus der Distanz. Erfolglos. Wilde „BIE-LE-FELD!“- Rufe nach den Chancen, „Wir sind immer dabei!“ über Minuten. „Support Eins Plus, Offensive ’ne glatte Sechs.“, sagt der Gästeblock. Und: „Ich hab noch Taschentücher für Dich. Für Deine Wurst. Oder zum Wi…“. Schluss, ich höre seit „Wurst“ nicht mehr zu. Reicht schon an Kopfkino.

„Ostwestfalen, Idioooten, Scheiß Armiiiiinia Bielefeld!“, wir singen es immer noch mit. Bewährter und bis heute souveränster Akt schwarzweißblauer Selbstironie. Haben das die Bochumer angestimmt? Wirklich laut zu hören ist der Rest des Ruhrstadions erst zur 80. Minute. Entspannungsfluppe auf dem Gästeblock. „Menthol! Das heißt: Mit Kräutern.“. Deswegen heißt es wohl: „Was rauchst’n Du fürn saures Kraut“. Höhöhö. Gegen Ende macht Arminia auf. Langes Sauerkraut nach vorne. Bochum hat Platz zum Kontern, aber Tego verhindert ein paar Mal die Vorentscheidung. Säuerliches Gefühl auf dem Gästeblock: „Wir können uns doch nicht immer auf die Nachspielzeit verlassen…“

Oh nein, das können wir heute nicht. Nach längerer Zeit hat Arminia wieder gegen Bochum verloren. Der Gästeblock leert sich. Saure Niederlagenbewältigung: „Da komme ich nicht mehr mit…Das mache ich NIE (!!!) mehr!“. Die Ansage stirbt wohl nie aus. Suer-macht-lustig-Niederlagenbewältigung ein paar Meter weiter: „Nur weil DU da warst, hahaha…“ – „Nein, weil DU da warst, hahaha…“. „Nur weil DU da warst, hahaha…“. Das sagt ein Dritter, der dazu kommt, zu jedem der beiden anderen, die wieder zu ihm…Wenn die zu siebt sind, sagen die insgesamt 5.040mal „Nur weil DU da warst, hahaha…“. Und sind übermorgen zu Hause.

Apropos „übermorgen zu Hause“ – der erste Regionalexpress nach Bielefeld entfällt. Personenunfall. Also selbes Vorgehen wie beim Hinweg. Fühlt sich nur säuerlicher an. Viel säuerlicher. Erstmal auf gut Glück nach Dortmund. Da in den nächsten ICE gehüpft, das in Bielefeld gezogene Nahverkehrsticket für die Rückreise soll man da drin upgraden können. Der Zugbegleiter bastelt an seiner Rechenmaschine rum. „Nein, kann ich nicht upgraden.“. Zieht die Zange, stempelt das Ticket und sagt „Gute Reise.“. Schwierige Aufgabe, Herz in die Hand genommen, kompetent eine Entscheidung getroffen, kreativ und zur Zufriedenheit gelöst. Über die Länderspielpause sollten die Blauen nach dem Vorbild dieses Zugbegleiters trainieren.

Das Bielefelder Glückshormon will mit all dem nichts zu tun gehabt haben.

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