Die Blauen 2023: Lautes Chaos, leise neu anfangen

Die Blauen 2023- Jahresrückrundumbeobachtungen von Jan-Hendrik Grotevent

Es ist Winterpause 2022/2023. Es ist eine verdammt lange Winterpause und der Rundumbeobachter hat die glorreiche Idee, seine Texte aus der Drittligasaison 2014/2015 hochzuladen. War ja eine coole Saison. DFB- Pokalhalbfinale, Aufstieg, Meisterschaft, Gänsehautentzündung. Zwar auch Dritte Liga, aber, ey komm‘, Dritte Liga ist Nostalgie und Gänsehautentzündung. Der Kader der Blauen in dieser Winterpause 2022/2023 hat zu großen Teilen vor einem halben Jahr noch Bundesliga gespielt und ist eigentlich besser als der Zweitliga- Abstiegskampf, in dem er gerade mitten drin steckt.

Die Blauen 2023

Die Hinrunde der Zweitligasaison ist ziemlich mies gelaufen, aber der Knoten wird schon platzen. Das haben die schwarzweißblauen Balltreter mehrfach angedeutet, gerade in den letzten beiden Spielen vor dem knapp dreimonatigen Alm-Entzug, als sie erst in Paderborn und dann gegen Magdeburg ziemlich ordentlich und ziemlich erfolgreich auf dem Rasen unterwegs waren.

Ja? Nein? Vor? Zurück?

Also, nehmen wir den Schwung mit ins neue Jahr und lassen jetzt den Knoten platzen? Nö. Es bleibt genau der selbe ranzige Mist wie in der Serie zuvor, eigentlich wie im ganzen 2022 zuvor. Dass sie es eigentlich können, deuten die Blauen an…nur um auf einen Hoffnungsschimmer zwei sportliche Finsternisse folgen zu lassen. Aus den ersten fünf Rückrundenspielen springt ein Sieg heraus, bei Jahn Regensburg. Eine schöne Heldengeschichte, Fabi Klos mit einem spielentscheidendem Doppelpack in der Schlussphase des Spiels.

Die Blauen 2023

Die anderen vier Matches gehen ziemlich unspektakulär verloren. Das 1:2 beim HSV mag angehen, die schwarzweißblauen Brüder gelten als Spitzenteam und Arminia hat sich ordentlich verkauft. Und es ist auch nicht so, dass in den anderen Spielen keine guten Ansätze vorhanden sind hier mal Block 3 repräsentativ aus dem Spiel gegen den späteren Aufsteiger aus Heidenheim: „Komm, sie versuchen es…“ oder „Man sieht, dass sie wollen. Jetzt müssen sie nur noch machen.“. Und genau das ist die Crux.

Potenzial ist da, es fehlt der Weg und auch die Motivation, aus dem Potenzial Tore und Punkte zu machen. So kriegt der leidende Fan die meiste Zeit Spiele zu sehen, die irgendwo zwischen „Boah, Leerlauf“ und zynischem „Na suuuper. Läuft bei uns.“ liegen. Wir Arminen sind es ja gewohnt, Finsternis auszuhalten und sich dabei an Hoffnungsschimmer zu klammern. Es brodelt natürlich – der Kopf von Coach Daniel Scherning wird schon länger gefordert, der von Samir Arabi sowieso.

The Braunschweig Incident

Die hoffnungsvolle (und seit mindestens einem halben Jahr eingespielte) Frage lautet also: „Wann platzt der Knoten?“. Die Frage stellen wir uns vor dem Sechs- Punkte- Spiel in Braunschweig. Die Mannschaft stellt sie, die Verantwortlichen stellen, ja selbst Eintracht Braunschweig stellt die Frage im Spiel! Aber der ebenfalls abstiegsgefährdete und alles andere als souverän spielende BTSVE kann gar nicht anders, als das 0:3 gegen spätestens ab der 30, Minute völlig kopflos agierende Arminen zu egalisieren. Und jetzt brodelt es nicht nur, es kocht gewaltig nördlich und südlich des Osning. Und es folgen Konsequenzen. Arabi raus? Arabi raus!

Wir Fans neigen ja dazu, Scheiterhaufen aufzustellen und Köpfe zu fordern. Und Samir Arabi, als dauerhafter Architekt der Profikader, war dort nicht erst seit Frühjahr 2023 unser Lieblingsziel. Arabi hat die Kader 2011, 2014 und auch 2019 zusammengestellt, hat dabei Fabi Klos, Andreas Voglsammer, Marcel Hartel, Jonathan Clauss und viele mehr auf ihren Weg gebracht. Aber eben auch Peer Kluge, Michael Holata und Theo Corbeanu geholt – und spätestens Corbeanu hat doch nie genau gewusst, was er eigentlich in Bielefeld machen sollte.

Leider scheint Arabi mit der Abwärtsrutsche aus der Bundesliga überfordert gewesen zu sein. Ein völlig falsch verstandenes Konzept vom „Ausbildungsverein“, Spieler, die nicht verkauft werden konnten, weil es „keinen Markt“ gebe, unvorteilhaft ausgehandelte Verträge (für den ablösefreien Jonathan Clauss gab es wohl doch einen Markt). Die Arbeit des Geschäftsführers Sport sei immer undurchsichtiger geworden. So berichten die Medien und auch die Führung des DSC auf einem Mitgliederforum im Sommer. Wie dem auch sei, Arabi ist weg. Der Auf- und Abstiegsmanager. Die Ambivalenz wird im Umfeld recht heftig diskutiert. Aber es geht um den Klassenerhalt… und irgendwie weiter.

Mit Koschinat zum… besseren?

Dass kurz nach Arabi auch Daniel Scherning gehen muss, ist folgerichtig. 21 Punkte aus 19 Spielen- das ist zu wenig für einen Kader, der es eigentlich besser kann. Und das ist ja der Hoffnungsschimmer, an den wir uns gerade klammern. Die Köpfe sind gerollt, jetzt wird automatisch alles besser. So dachten wir das doch, oder? Der neue Cheftrainer heißt Uwe Koschinat. Der hat sich seinen Ruhm bei Fortuna Köln verdient und der eilt ihm soweit voraus, dass die Kölner Südstädter sogar auf der Postheide zum tollen Coup gratulieren. Koschinat agiert zumindest um einiges lebendiger an der Seitenlinie als Scherning…

…und sorgt tatsächlich für ein Zwischenhoch. Acht Punkte holt er aus vier Spielen und hievt Arminia über den roten Strich der Zweitliga-Tabelle. Das 3:1 gegen den Tabellenführer aus Darmstadt ist das Highlightspiel der Rückrunde. Als Kanuric den Ball in der Nachspielzeit in den Winkel hämmert, als Fabi den Fehler von Gästekeeper Schuhen nutzt… Mannschaft und Ränge fallen in einem gewaltigen Massenjubel übereinander her. Die Hoffnung lebt!

Sie lebt auch beim folgenden Heimspiel gegen Nürnberg, wo Arminia allerdings nicht die verdienten drei Punkte einfährt. Das liegt an einer Entscheidung, wie sie selbst für den VAR lächerlicher kaum sein kann. Ähnlich übrigens gegen Ende der Saison im Spiel gegen Fürth. Spiele von Arminia Bielefeld gegen fränkische Mannschaften scheinen den Kölner Keller wohl irgendwie zu triggern… lassen wir die Diskussion um die Entscheidungen hier beiseite ebenso wie die mathematische Tatsache, dass Arminia ohne sie in der Zweiten Liga geblieben wäre… daran lag es nicht.

Vor? Zurück!

Wie heißt es so schön in unserer Hymne? „Die Zeit ist reif, jetzt aufzudrehen“. Nach 27 Spielen hat der DSC 29 Punkte und steht auf Platz 14. Nicht geil, aber aus dem Hoffnungsschimmer, dass unsere lethargische, aber qualitativ doch bessere schwarzweißblaue Kapelle den Klassenerhalt schafft, ist ein formidables Hoffnungsmorgengrauen geworden. Jetzt muss das Schlauchboot noch ordentlich zu Ende paddeln und alles wird…na ja, nicht gut, aber zumindest kein Schiffbruch (Ach kommt, Leute, ich weiß Arabi ist weg, aber ein Schlauchbootwitz wird im Jahresrückblick erlaubt sein).

Doch schon im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, dem letzten Match aus Koschinats Acht- Punkte- Serie, fängt die Lethargie wieder an, sich gegen die Qualität durchzusetzen. Zugegeben, das sind merkwürdige Charakteristiken, aber Arminia ist in dieser Zeit auch eine merkwürdige Mannschaft. Von der Qualität wissen alle, die Qualität – individuell oder im Team- wird oft angedeutet, dem gegenüber steht etwas, das man nicht näher analysieren kann. Unkonzentriertheiten, mangelndes taktisches Verständnis, fehlende Motivation… es ist kaum zu bezeichnen, ich nenne es mal in diesem Absatz „Lethargie“.

Es folgt eine vermeidbare Niederlage in Karlsruhe, ein 1:3 gegen Hannover ohne viel Gegenwehr. Und spätestens auf St.Pauli sehen wir wieder, trotz ehrlichen Koschinat- Bemühens, eine Kramer-/ Forte-/ Scherning-/ Arminia. Um das mal treffend zusammenzufassen:

„Immer Arminia – Wir sind das Chaos.“. Jaja. Wissen wir. Nach 30 Spielen hat der DSC immer noch 29 Punkte. Am Tabellenende gehen Sandhausen und Jahn Regensburg die Körner aus, Hansa Rostock und Eintracht Braunschweig beschließen allerdings ganz im Gegensatz zu Arminia die Zähne zusammenzubeißen und ziehen an den Blauen vorbei. Relegationsplatz. Und wir hoffen trotzdem, schließlich ist die Mannschaft eigentlich besser als…steht alles schon hier drüber.

Müssen nur die Lethargie (ich bin noch im selben Absatz) überwinden. Obwohl es allmählich eng wird. Und sie deuten ja auch an,… jaja… Last- Minute- Sieg beim FCK… jaja… Tor ausgerechnet durch Serra… jaja… hätte Fraisl im Nachbarschaftsduell gegen Paderborn nicht daneben gegriffen, hätten die Blauen ein verdienten Dreier eingefahren und wären drin geblieben… jaja… Aber daran lag es nicht.

Deutscher Meister!

Und an dieser Stelle wird es wirklich mal Zeit, von schönen Dingen zu berichten. Es ist ja leider so, dass die Leistungen des Profi- Teams nicht nur (finanzielle) Auswirkungen auf die anderen Abteilungen des DSC Arminia haben, sondern auch alle tollen und positiven Dinge emotional überlagern, die im Verein passieren.

Wie geil ist eigentlich die Tatsache, dass man für Ostwestfalens schwarzweißblaue Gloria Billard und Tischfußball spielen kann? Und allein im Tischfußball gab es in 2023 einige Pokalplatzierungen und einen Aufstieg zu feiern! Die Rollis richten bereits zum dritten Mal ihr Wheelsoccerturnier aus und nehmen nicht nur auf heimischem Boden ordentlich Pokale mit.

Die Eiskunstis kommen mit einem ganzen Lastwagen voller Platzierungen aus der Saison nach Hause, beim Marietta- Marik- Pokal nehmen über 200 Schlittschuh- Athletinnen und Athleten teil. Bester Club: Die Gastgeber. Die Blauinnen holen den Westfalenpokal, die jungen Fußballmädels reißen die Region ab.

Und dann… Deutscher Meister! Eine Woche vor dem 100jährigen Jubiläum der Westdeutschen Meisterschaft des 1. BFC Arminia holt die U17 den Deutschen B-Junioren-Meistertitel an den Teuto!

Deutscher Meister Arminia Bielefeld! Deutscher Meister Arminia Bielefeld! Das ist genial, das ist das Ergebnis von Talent und harter Arbeit, das ist klasse, das ist sensationell! Deutscher Meister Arminia Bielefeld! Wahnsinn! 2023 war ein echt erfolgreiches Jahr für den DSC Arminia Bielefeld! Schade, dass ausgerechnet die mit der meisten Aufmerksamkeit ihren Karren vor die Wand fahren.

Warten, bis wir bei den Fußballprofis „Deutscher Meister Arminia Bielefeld!“ sagen können- das dürfte, nachdem Mathematik, Philosophie. Esoterik und Religion sich schon an Definitionen versucht haben, die ganz eigene ostwestfälische Definition von „Ewigkeit“ sein.

CRASH!

Jawoll, die Fußballprofis fahren ihren Karren vor die Wand. Ein Sieg in Magdeburg – damit wären die Blauen in der Zweiten Liga geblieben – wäre jetzt auch keine Raketenwissenschaft gewesen. Schließlich hat die Truppe eeeeeigentlich Qualität. Ja, diese Hoffnung ist immer noch da. Die ist sogar noch da, als es ein 0:4 in Sachsen- Anhalt hagelt, bei dem sich die Mannschaft alles andere als interessiert an einem leidenschaftlichen Kampf um den den Klassenerhalt zeigte und die Relegation fest stand.

Einmal, zweimal richtig den Allerwertesten bis zum Unterkiefer aufreißen und den Klassenerhalt fest machen! Zwar ist das Vertrauen so ziemlich verloren, aber wenigstens, die Professionalität, die Loyalität sollte doch da sein, um…Nää. Isse nich‘. Wir sind das Chaos. Auf dem Platz und leider auch auf den Rängen in Wiesbaden.

Das Rückspiel gegen den SVWW wird noch absolviert, die Truppe wird ausgepfiffen. Eine Truppe, die – wieder ein Zitat aus dem Mitgliederforum im Sommer – keinen Bock hatte, für diesen Verein in dieser Liga Fußball zu spielen. Nun fehlt bei so einem harten Urteil natürlich die Gegendarstellung der Beschuldigten (wie übrigens auch bei der Arabi- Sache), aber ich bin geneigt, das zu glauben. Einfach, weil es eine Erklärung für das Offensichtliche ist.

Deswegen erspare ich mir und Euch einen detaillierten Rückblick auf die Mannschaft. Es ist völlig müßig, wie gut oder schlecht Serra oder Lasme oder wer auch immer waren. Wie viel oder wenig sie aus ihren Anlagen machten. Wie weit Hack oder Okugawa schon bei ihren neuen Arbeitgebern waren. Was Lepinjica oder Corbeanu überhaupt bei Arminia sollten. Ja, auch Lichtblicke wie Jäkel in Teilen oder Consbruch in weiten Teilen sind müßig.

Eine Mannschaft, die keinen Bock hat, im Kopf bei neuen Verträgen ist und denen die Trümmerlandschaft, die sie durch ihre eigene Minderleistung hinterlassen, egal ist, verdient keine Betrachtung. Arminia wird sich auch von ihnen erholen und sie damit an den Rand der Vereinsgeschichte stellen, wo sie hin gehören. Schnauze voll von denen.

So bleibt als einziges versöhnliches Symbol dieses furchtbaren Frühsommers unser Fabian Klos, der als einziger mit den Fans spricht, das einzige Tor der Relegation erzielt, als einziger einmal von der Dritten Liga in die Bundesliga und zurück gegangen ist… und als einziger beim DSC bleibt.

Neuanfang in leise

Was sagte Block 3 im Frühjahr 2023? „Lasst uns diese Saison irgendwie drin bleiben und nächste Saison mit einer richtigen Mannschaft wieder anfangen.“ Das mit dem Drin bleiben ging schief. Bleibt nur die Mannschaft. Und da bleibt uns nichts anderes übrig, als neu wieder anzufangen. Den Lesenden ist sicher das berühmte Arminia- Zitat aus den 1980ern geläufig: „Alles, was der Verein hat, ist ein Ball und ein Eimer Kreide.“. Im Sommer 2023 ist es ähnlich. Alles, was die Profimannschaft hat, ist kein Geld, eine neue Geschäftsführung und Fabi.

Tatsächlich wird nur ein bekannter Name verpflichtet, und das ist Leandro Putaro. Und dem gegenüber hatte das Umfeld in seiner ersten Zeit beim DSC schon, sagen wir einmal, gemischte Gefühle. Sowieso herrscht bei der schwarzweißblauen Anhängerschaft eine solide Grundskepsis gegenüber den Biankadis, Shipnoskis, Kerskens undsoweiter, die da verpflichtet werden. Auch gegenüber dem aus Verl geholten neuen Chefcoach Mitch Kniat sind wir misstrauisch. Wir müssen einen ganzen Kader an neuen Leuten kennen lernen, an die wir undefinierte Ansprüche stellen. Und da tun sich Ostwestfalen schwer.

Es ist ein leiser Neuanfang. Kein Aufraffen, kein Florian Dick, kein lautes Zusammenraufen wie 2014. Es erinnert mehr an 2011. Der Grundanspruch ist aber derselbe wie bei den Abstiegen in die Drittklassigkeit zuvor: Die Spieler sollen Einsatz für und Loyalität zum Sportclub der Ostwestfalen zeigen.

Doppelderbysieger

Und tatsächlich- das tun sie! Zwar zahlt der Kader aus jungen, aber talentierten und hungrigen Spielern bei Dynamo Dresden zum ersten Mal Lehrgeld, aber die Konstellation des Saisonstarts könnte kaum eine bessere sein, um sich in die gepeinigten Herzen der ostwestfälischen Ballsportfreunde zu spielen: Erst kommt der Darius- Wosz- VfL Bochum zum Pokal auf die Alm, direkt danach der Alt- Regional- Rivale aus Münster zum Ligaspiel.

Die Blauen liefern dem VfL einen leidenschaftlichen Pokalfight, spielen zwei Tore schön heraus, lassen sich durch die Bochumer Treffer in den Nachspielzeiten nicht durcheinander bringen und bolzen in der Verlängerung alles weg, was auch nur wagt, sich ihrem Tor zu nähern. Am Ende wird der VfL Bochum, wie es sich für eine drittklassige Arminia gehört, im Elfmeterschießen besiegt.

Preußen sind, anders als das Ergebnis vermuten lässt, durchaus gleichwertig. Aber mit Überlegung, hübschen Spielzügen und wieder jede Menge Kampf und Leidenschaft sind die Blauen einfach effektiv. Schlussendlich sind es nur die ersten drei Ligapunkte, aber diese neue Band zeigt Einsatz und den Willen, sich durchzusetzen. Das hat echt verdammt lange gefehlt! Und dann noch gegen Darius Wosz und Preußen Münster (nein, nicht Telgte West. Das ist mir mit zwei Jahrzehnten Münster im Lebenslauf immer noch zu blöd).

Jedenfalls hat das Team mit Kampf und Leidenschaft die Grundlage auf Anerkennung beim ostwestfälischen Publikum gelegt. Und das will nach den anderthalb Jahren Rutschbahn etwas heißen.

Alter und neuer Pokal

Bevor wir uns aber damit befassen, was das alles heißen kann, werfen wir einen Blick auf den Pokal. Anders als in der Gänsehautentzündungssaison ist der DFB-Pokal nach der zweiten Runde vorbei für den DSC. Gegen den HSV zeigen die Blauen zwar ebenfalls über 120 Minuten Leidenschaft und Einsatz, aber dann verlieren sie zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte ein Elfmeterschießen. Schon als Klos den Uli Hoeneß macht, fühlt man, dass dieses Elfmeterschießen unter keinem guten Stern steht.

Der Undefeated Streak ist vorbei, die am längsten im Strafstoß- Kicken unbesiegte Mannschaft muss jetzt wieder eine neue Serie beginnen. Was wir der Truppe aber nicht weiter übel nehmen, schließlich hat sie uns trotzdem einen spannenden Pokalabend beschert.

Weniger spannend scheint der Westfalenpokal zu sein, in den Arminia als Drittligist gefühlt einfach rein gerät. Ein paar Leute fahren Herford, Gütersloh und Verl, um die meist verkrampften Hürdensprünge des DSC zu begucken. Zum Viertelfinale gegen Rödinghausen kommen 5.022 Zuschauer auf die Alm. Der durchschnittliche Besuch von Ligaspielen in der Dritten Liga liegt bei 17.538. Der Westfalenpokal scheint wie eine mehr oder weniger lästige Pflichtaufgabe. Dient dazu, in den DFB-Pokal zu kommen, dort etwas Geld abzugreifen und eine neue Serie in gewonnenen Elfmeterschießen starten. Jepp, und genauso fühlt der sich auch an.

Eigentlich schade, dass sich die Spiele des Jahres der SG Frisch-Auf Herringhausen- Eickum, Victoria Klarholz und SuS Herringhausen sich für uns nicht nach mehr anfühlen. Oder wenigstens ein klein bisschen ostwestfälisches Prestige im Spiel gegen Rödinghausen mitschwingt. Fassen wir es so zusammen: Bei den Blauinnen macht Westfalenpokal mehr Spaß.

Ein Kader lernt I- Reinfinden

Man sagt ja, dass Lehrgeld sinnvoll investiertes Geld sei. Weil man dann lernt und sich weiter entwickelt. Die neue Arminia zeigt also Kampf und Leidenschaft, das gilt eigentlich immer in den Ligaspielen. Lehrgeld zahlen heißt aber auch, Kampf und Leidenschaft in Punkte zu übertragen. Dass da noch eine Menge Lehrgeld in die Hand genommen werden muss, zeigt sich in den nächsten Drittliga- Auftritten des DSC.

Die Blauen halten zwar voll gegen das robuste Spiel des SSV Ulm, verlieren aber dennoch. Gegen Jahn Regensburg geht der Matchplan des hohen Anlaufens nicht auf, weil der Jahn genau das mit Arminia macht. O-Ton Block 3 zum Spiel nach vorne: „Jetzt bin ich wach, Ihr könnt anfangen!“. Bei Viktoria Köln dengeln sie sich mit Mühe ein 1:1 zurecht. Hier erzählt der Stream vom Telefonanbieter: „Bei Arminia Bielefeld muss der Anspruch so langsam Schliff bekommen“.

Nun, der Anspruch – oder besser: Ein Anspruch – ist nicht formuliert. Dennoch wäre der Schliff mal ganz nett. Schon in den spektakulären Auftaktsiegen zeigte sich, dass Arminia in der Defensive doch etwas sonnig unterwegs ist- in Zweikämpfen, in der Raumdeckung, in der Spieleröffnung und bei Rückpässen, die regelmäßiges Schnappatmen auf den Rängen verursachen.

Ein Kader lernt II- Die harte Tour

Man sagt ja, dass Lehrgeld immer sinnvoll investiertes Geld sei. Man sagt auch, dass Fernet Branca magische Kräfte habe. Und nach zwei Flaschen dieses Hirnsprengers ist wohl auch jeder geneigt, gewisse magische Kräfte nicht auszuschließen. Beim DSC fällt es aber zunehmend schwerer, an das sinnvoll investierte Lehrgeld zu glauben und den Hinweisen der sportlichen Führung, die Lehrstunden dazu zu nutzen, die Naivität abzustellen, der Mannschaft Zeit zu geben, junges Team uuuuuundsoweiter.

Mitch Kniat gibt rückblickend zu Protokoll, dass die Blauen hinten zwar wenig zuließen, das, was sie zuließen, ihnen aber regelmäßig um die Ohren fliege (Interessant hier die Frage: Was gedenkt man dann, dagegen zu tun? Lehrgeld zahlen oder doch die dritte Flasche Fernet planieren?). Eben habe ich aufgezählt: Zweikämpfen, Raumdeckung, Spieleröffnung, Rückpässe. Und jawoll, nach dem 1:1 in Köln fliegt das der ostwestfälischen Gloria heftiger um die Ohren als ein beleidigter Hornissenschwarm.

Die Zwote vom SC Freiburg seziert die schwarzweißblaue Verteidigung zweimal und fährt damit ein Drittel all ihrer bisher geholten Saisonpunkte ein. In Unterhaching dagegen tragen Kampf und Leidenschaft tatsächlich Früchte und der DSC gewinnt 2:1. Gegen Saarbrücken und in Verl erzielt Arminia drei Tore- leider erzielen die Saarländer und die ostwestfälischen Nachbarn neun. Gegen eine komplett kopflose Abwehr.

„Wie scheiße kann man sein?“, wütet Block 3. Und im Umfeld beginnen schon wieder einige, Holz für Scheiterhaufen zu sammeln. Hat ja in der Zweiten Liga schon so gut geklappt.

Wir sind Fans und das ohne Pause

…Biiiieeleeefeld. Und die Alm ist unser Zuhause, Biiiieeleeefeld. Und das ist sie das ganze Jahr 2023. Wenn es an diesem verkorksten Jahr etwas Positives rund um die Alm zu vermelden gibt, dann ist es die Alm selbst. 19.756 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Zweitliga- Spielen. Relegation nicht eingerechnet (23.433), aber da haben wir uns mit Karten eingedeckt, weil wir dem Kader eine vergleichbare Treue unterstellt haben… lassen wir das. Zu den Drittligaspielen kamen, wie schon gesagt, 17.538 Zugucker. Okay, ist ein Rückgang von 11,2 Prozent.

Aber hier müssen wir berücksichtigen, dass Freiburg II, Dortmund II und Sandhausen eben nicht Rostock, Hannover und Paderborn sind. Wir können also davon ausgehen, dass die Zahl an Heimspielbesuchern trotz des Abstiegs, trotz der vielen Frustrationen nahezu konstant geblieben ist.

Natürlich wird viel gemeckert, natürlich werfen sich bei jedem Gegentor, jeder Niederlage die Berufspessimisten ins Rampenlicht. Aber die vielfach geäußerte Meinung, dass sei „typisch Ostwestfalen“ und „typisch Arminia“ greift zu kurz. Das ist „typisch Fußballfan“. Wer das nicht glaubt, darf gerne mal aktuell in den Foren vom BVB, für die ersten zehn Spieltage in Hertha- Foren oder die letzten beiden Jahre in Schalke- Foren nachlesen.

„Typisch Ostwestfalen und „typisch Arminia“ scheint angesichts der Zahlen vielmehr etwas anderes zu sein:

„Wir gehen zum Deutsch Sportclub, egal in welcher Liga, und wenn Du mal verlierst [oder absteigst oder alles vorher aufgebaute selber wieder zertrümmerst], die Tribüne bleibt der Sieger“. Natürlich haben wir unsere Grundskepsis gegenüber allem, was bei Arminia passiert. Es passiert auch zu viel, als dass wir diese nicht haben könnten.

Aber die letzten zehn Jahre zeigen, dass dieses ständige Auf und Nieder uns immer wieder immer intensiver zusammenschweißt. Und das zeigen nicht nur die Zahlen, hier noch eine letzte: Die Gänsehautentzündungssaison hatte einen Zuschauerschnitt von 14.537, und da stand schon ziemlich früh der Aufstiegsanspruch fest.

Nein, das zeigt auch das Feeling auf der Alm und auf den Auswärtsfahrten. Das Einschwören mit der Mannschaft vor dem Spiel, der laute Support während des Spiels, das Feiern von Siegen und das „Kopf hoch“ nach verlorenen Punkten. Oder eben das Gefühl, das Block 3 so formuliert: „Warum tun wir uns das an? Ich hätte auf dem Sofa bleiben können.“ – „Nein! Hättest Du nicht!“.

Arminia Bielefeld hat jede Menge Defizite. Arminia Bielefeld ist das Chaos. Aber sie ist unser Chaos! Und das ist das, was uns von den Hermannsdenkmälern, Hexenbürgermeisterhäusern, Böckstiegel-Museen usw. ans schwarzweißblaue Lagerfeuer holt. Dass wir da jetzt vehement widersprechen und das vor uns nicht zugeben- nun, das ist wirklich „typisch Ostwestfalen“.

Ein Kader lernt III- Was möglich sein kann

Man sagt ja, dass Lehrgeld immer sinnvoll investiertes…. jajaja, ist Euch die Phrase mit der „Hoffnung auf den platzenden Knoten“ aus der ersten Hälfte der Jahresrückrundumbeobachtungen lieber? Na also. Immerhin bewahrheitet sich das mit dem Lehrgeld, denn Arminia lernt munter weiter. Ja, wirklich munter!

Im bisherigen Saisonverlauf lässt sich das Spiel in Verl recht einfach als den Scheitelpunkt der Talsohle festlegen. Das folgende Heimspiel gegen die Kleinen vom BVB endet 2:2, aber hier stellt Block 3 schon fest: „Wir steigern uns.“. Und das machen die Blauen auch. Aus den folgenden fünf Spielen holt Arminia zehn Punkte.

Was genau sind jetzt die Lerneffekte, die die Lehrgeld- Investition hervorrufen soll? Vor allem eine gut aufgelegte Offensive. In diesen fünf Spielen treffen die Blauen zehnmal ins Schwarze. Die Defensive… nun nicht unbedingt, da fliegt bei vier Gegentoren gerne mal wieder was um die Ohren.

Aber die Phase macht Freude und versöhnt den Anhang, nachdem die Blauen nach dem Verl-Spiel doch ziemlich intensiv an und in der roten Tabellenzone herum schnupperten. Erleichterung nach dem 3:1 gegen Mannheim. Der Sieg in Duisburg ist eine schwarzweißblaue Fanparty. Das 4:0 gegen Ingolstadt ist in der Höhe verdient souverän heraus gespielt und wird entsprechend honoriert.

2:2s und Fingerzeige

Im Heimspiel gegen Sandhausen gibt es ein graues 1:1, das Block 3 treffend mit „Mal gibt es Unentschieden für die anderen, mal…ääääh…“ zusammenfasst. Darauf folgen ein paar 2:2- Unentschieden, die in allen Facetten zustande kommen. Gegen Aue und in Halle drehen die Blauen des Gegners Führung, haben aber nicht mehr die Zeit, einen Dreier aus den Matches mitzunehmen. In Lübeck kriegen die Blauen eine 2:0- Führung in letzter Minute – und eigentlich ohne jede Not- selbst herumgedreht.

Lehrgeld zahlt die junge Truppe immer noch. Gegen 1860 München zahlt es sich noch einmal aus. Es gibt gewisse Fingerzeige in der Schlussphase des Jahres 2023. Einmal, wie sehr der verletzte Bazee in der Offensive fehlt. Gleiches gilt für Boujellab und Mizuta. Wie wichtig Fabian Klos immer noch ist. Dass die Defensive vor allem an Umschaltsituationen immer noch so ran geht wie ein Feuerzeug bei Gasgeruch. Und, dass Arminia noch kein Spitzenteam ist. Das zeigt sich im letzten Spiel des Jahres beim Rückrundenauftakt gegen Dresden.

Die Blauen 2023- Lautes Chaos, leise neu anfangen

In der Winterpause 2022/2023 hatte der Rundumbeobachter die glorreiche Idee, über eine Drittligasaison zu schreiben. In der Winterpause 2023/2024 hat er die unangenehme Pflicht, über eine Drittligasaison zu schreiben.

Er nimmt positive Abweichungen zwar gern in Kauf, geht aber im Moment davon aus, in der Winterpause 2024/2025 über ein ganzes Drittligajahr zu schreiben. Zum Abschluss der Hinrunde sind es acht Punkt bis Rang Drei, ebenso acht Punkte auf die rote Zone. Arminia befindet sich also auch tabellarisch in der Gegen, wo man lernt, sich orientiert. Wo man lernen kann und sich orientieren kann.

Ja, liebe Leute, das Team wird weiter Lehrgeld zahlen. Die Findungs- und Lernprozess sind nicht abgeschlossen, noch lange nicht. Klar nervt das, aber dafür gibt es keine Deadline. Wir sind dabei, Grundlagen zu schaffen für etwas, das wir noch nicht definieren können. So wie das bei Arminia nach bald 119 Jahren eben ist.

Die Dritte Liga ist jedenfalls nicht unser Anspruch, das ist auch klar so kommuniziert worden. So laut das Chaos in der ersten Jahreshälfte war, so leise war der Neuanfang. Vielleicht ist es in der Zimmerlautstärke, mit den Lernprozessen aber einer, auf dem sich endlich mal etwas Nachhaltiges aufbauen lässt. Zum Jahresende lassen sich immerhin zwei positive Dinge feststellen.

Erstens: Der aktuelle Kader hat es geschafft, die Söldnertruppe der Zweiten Liga vergessen zu machen. Zweitens: Die Ostwestfalen sind nicht nur sturhartnäckigkämpferisch, sondern auch treu. Der leider überwiegende negative Rest von 2023 wird, wie schon angedeutet, hoffentlich bald am Rand der Vereinsgeschichte landen. Für 2024 und darüber hinaus gilt daher ein weiteres Zitat aus der Stadionhymne:

Die Blauen 2023

Lasst uns das einfach tun.

Ob 2023 Einzug in die „Fußballfibel DSC Arminia Bielefeld“ Einzug halten wird? Wahrscheinlich nicht, denn die ist 2021 geschrieben worden. Und sie ist zeitlos, voller schwarzweißblauer Lagerfeuergeschichten. Das Buch gibt es bei Thalia. Oder bei amazon. Oder im Fanladen. „90 Minuten Arminia“ habt Ihr schon…?

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